Brix Förster: Die Grenzverhältnisse in Sierra Leone nnd die Sofas.
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Sehr entwickelt ist das Stilgefühl der Bataks, und ihre
Ornamente und Schmucksachen oder Kleiderstoffe
zeigen schöne Muster. Das Weih, welches die Stoffe
webt, färbt sie auch und das einfache Kleid (Hapit)
ist blau, schwarz und rot in geschmackvollem Ornament.
Schmuck aus Gold und Silber, mit den einfachsten Werk
zeugen hergestellt, erregt die Bewunderung aller Europäer,
die Malerei und Schnitzerei an den Häusern zeigt eine
überraschende Fülle von Ornamenten meist mit geome
trischen und pflanzlichen Motiven; Figuren werden
stilisiert. Wirkungsvoll kommen Schnitzereien an
den Hauspfosten und Giebeln zur Verwendung, und seihst
ornamentierte Steinsäulen hat Herr v. Brenner auf der
Toha-Insel gefunden. Ganz untergeordnet ist dagegen
auffallenderweise die Töpferei, die ohne Drehscheibe
aus freier Hand geübt wird.
Der Batak ist Ackerbauer und der Reis, daneben
der Mais, ist seine Hauptfrucht. Arbeiter sind die
Frauen, welche den Feldbau mit guten Geräten vorzüg
lich betreiben. Dafs der Pflug nach Kamen und Sache
indischen Ursprungs ist, wurde schon erwähnt; vortreff
lich gedeiht die Pferdezucht. Jagd und Fischfang spielen
eine untergeordnete Rolle. Der Wachtelfang wird mit
Hunden betrieben, welche die Vögel aufjagen, die der |
Jäger in einer Art Netz an langer Stange dann einfängt.
Für Affen hat man eigene Fallen und die selbstthätigen
Fischangeln der Bataks beruhen genau auf dem Principe,
wie es Ehrenreich bei brasilianischen Indianern fand.
Die höchste Stufe aber haben die Bataks in ihrer
Schrift erklommen, welche Gemeingut der ganzen Be
völkerung ist. Wohl haben sie, die unverbesserlichen
Anthropophagen, dieselbe von den Hindus überkommen,
aber sie haben sie ihren Bedürfnissen entsprechend um
gestaltet und ihr ein charakteristisches Gepräge gegeben.
Sie besteht aus Lautzeichen, die, wenn mit schwarzer
Farbe gesclmeben, von links nach rechts gesetzt werden;
ritzt man sie mit dem Messer in Bambus, so stehen sie
von oben nach unten. Es fehlt nicht an Gedichten, deren
der Verf. einige mitteilt; sie sind teils erotischen, teils
trivialen Inhaltes, wie folgende Proben zeigen mögen:
Pflanze Blumen an,
Zum Acker führt der steile Weg;
Lafs uns kosen,
So lange du noch ledig bist.
Ich singe von der Kalkdose,
Sie trägt das Bild des Kammes.
Ich singe von der Hand,
Die Hand verlor im Spiele.
Die Grrenzverliältnisse in Sierra Leone und die Sofas.
Von Brix Förster.
Bei den Kämpfen der Europäer mit afrikanischen
Stämmen wird, wie überall, an der völkerrechtlichen
Regel festgehalten, selbst bei Verfolgung eines gemein
samen Feindes die Grenze des benachbarten Kolonial
gebietes nicht zu überschreiten. Das ist eine leichte
Sache, wenn die Grenzen natürliche sind, wie Gewässer
oder Gebirgszüge. Allein in Afrika hat die europäische
Diplomatie es verstanden, oft Grenzlinien zu ziehen,
welche nicht mit dem Blicke direkt zu erkennen, sondern
nur mit Hilfe des Theodolit oder Kompasses ausfindig
zu machen sind. So folgt die Grenze der englischen
Kolonie Gambia, eingekeilt in den südlichen Teil von
Senegambien, auf 10 km Entfernung beiden Ufern des
Gambiaflusses entlang; trotzdem waren die Franzosen
höchst ungehalten, als vor einigen Jahren die Engländer
in dem Streifzuge gegen den Häuptling Fodey Cabbah
unbewufst ein paar Stunden in das Nachbargebiet hin
einmarschierten. Bei Regulierung der Grenzen zwischen
Sierra Le.one und den französischen Gebieten in Rivières
du Sud (jetzt Guinée française), Futa Djallon und
Samorys Reich ging man rationeller zu Werke x ).
Im Jahre 1882 bestimmte man den grofsen Scarcies-
flufs als Scheidelinie. Als die Machtsphäre beider Staaten
weiter nach dem Inneren vorrückte, trennte man land
schaftsweise; im Vertrage von 1889 erklärte man Benna,
Tamisso und Hubu für französisch; Tambakka, Talla und
Sulima (oder Sulumania) für englisch. Da aber Hubu
zu weit nach Südwesten, anderseits Sulima zu weit nach
Nordosten reicht, sah man sich doch wieder genötigt,
die natürlichen Grenzen durch eine ideale Grenzmarke
abzuschliefsen, und man bezeichnete den vom 10° nördl.
Br. mit dem 10° 40' westl. L. Gr. gebildeten Winkel
als Sclilufsabgrenzung. Bei dem Mangel von Karten in
gröfserem Mafsstabe und bei der noch bestehenden Un- 1
1 ) Zur Orientierung über die betreffenden Örtlichkeiten
und die Terraingestaltuug dient am besten Hassensteins
Karte in Peterm. Mitteil. 1880, Tafel 12; in Perthes Afrika
karte, Blatt 4 (1892) sind die neuesten Grenzen genau ein
gezeichnet.
genauigkeit astronomischer Ortsbestimmungen konnte es
nicht fehlen, dafs gelegentlich kriegerischer Unter
nehmungen Irrtümer begangen und die Grenzen ver
letzt wurden. So besetzten im Februar 1893 die Fran
zosen Erimankano (westlich von Falaba), weil es zu der
ihnen gehörigen Landschaft Hubu zu rechnen sei; die
Engländer protestierten dagegen, weil es westlich des
10° 40' westl. L. Gr. läge.
Nach der Vertreibung des Almamy Samory (oder
Samadu) vom oberen Niger (Djoliba) durch die Fran
zosen (1891/92) stellte sich die Notwendigkeit einer
Grenzregulierung auch im Osten heraus. Das Resultat
war der englisch-französische Vertrag vom 26. Juni 1892
(vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique Française 1892,
Nr. 7). Man ging von dem oben erwähnten Schnitt
punkte des 10° nördl. Br. mit 10° 40' westl. L. Gr. aus
und vereinigte sich dahin, dafs dieser Meridian bis nach
Liberia die Grenzlinie bilden sollte. Das war eine glück
liche Wahl; denn nahezu genau mit ihm verläuft der
Kamm der Wasserscheide des Djoliba von Norden nach
Süden. Überdies wurde ausdrücklich in dem Überein
kommen betont, dafs „die Gestaltung des Terrains und
Lokalverhältnisse in Rechnung gezogen werden müfsten,
und deshalb ein Abbiegen nach West oder Ost von der
idealen Linie gestattet sein sollte“.
Die Grenzregulierungskommission hatte, soviel mir be
kannt, die schwierige Arbeit noch nicht vollendet , als
der französische Leutnant Maritz Ende Dezember 1893
mit einer Truppenabteilung in Tembi Cundu (zwischen
Nelia bei den Nigerquellen und dem Berge Daro) er
schien. Dafs er sich hier noch auf französischem Terri
torium befand, ist klar ; aber ebenso unumstöfslich ge
wiss mufste er sein, dafs er mit jedem Schritte weiter
nach Westen Gefahr lief, in die englische Interessen
sphäre zu geraten ; als er es that und am 23. Dezember
1893 das Lager der vermeintlichen Sofas (in Wirklich
keit das des englischen Kapitäns Lendy) bei Warina
überfiel, bestimmte ihn, wie jetzt zweifellos feststeht,
nur die Absicht, in Kooperation mit den Engländern