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Dr . S . Weissenberg : Beiträge zur Volkskunde der Juden .
Beiträge zur Volkskunde der Juden .
Von Dr . S . Weissenberg . Elisabethgrad in Süd - Rufsland .
Nach langem , süfsem Schlafe erwachte endlich der jüdische Geist , zwar nicht selbständig , sondern nach einem ziemlich unsanften Schütteln seitens seiner ewig lebenden Gegner . Die Judenhetze , wie Sturmwind alles ergreifend und niederreifsend , auch das , was scheinbar unantastbar war , hat auch ihre gute Seite . Sie fegte die lange gehegten Assimilierungshoffnungen weg und zeigte den Juden , dafs sie trotz ihres besten Willens und Dafürthuns nicht untergehen können . Man mag vom Sionismus halten , was man will , es läfst sich aber nicht leugnen , dafs derselbe von schlummernder Kraft und Energie und von erwachtem Selbstbewufstsein zeugt . Im neuentbrannten Kampfe der Nationalitäten erblickten sich die Juden nicht nur einsam und verlassen , sondern auch verachtet und verfolgt , wie im grauen Mittelalter . Die Verhältnisse in Böhmen sind nicht nur ristisch , sondern auch sehr lehrreich , und könnten solchen , die lernen wollen , manches lehren . Die Tschechen ben , die Juden müssen Tschechen sein ; die Deutschen verlangen von den Juden , Deutsche zu sein . Was blieb den Juden übrig ? Sie verteilten sich nach Tradition und individueller Sympathie . Nun begann der tschechische Kampf , und die Juden wurden nicht nur von beiden verlassen , sondern auch abwechselnd prügelt : beim Sieg der deutschen Partei von den chen und im Gegenfalle von den Deutschen . Handelt es sich aber um rein jüdische Fragen , dann verbinden sich beide feindliche Parteien und prügeln die Juden meinsam nach dem Motto : Der Jude wird verbrannt . . .
Unter solchen Umständen ist es kein Wunder , dafs die Juden sich endlich aufrafften und sich zur Nation proklamierten . Die Folge war ein Aufblühen der schen Wissenschaft , des jüdischen Geistes ; die sche Sprache wird in Palästina und Rufsland nicht nur fleifsig studiert , sondern auch als Umgangssprache übt . Man schämt sich nicht mehr , Jude zu sein , trauert darob , dafs ein grofser Teil des tausendjährigen tümlichem Schatzes unwiderruflich verloren gegangen ist und sucht hastig das wenige Übriggebliebene zu retten . Es ist auch höchste Zeit dafür ; denn Spiele , die ich noch selbst vor etwa 20 Jahren gespielt habe , sind der jetzigen Jugend völlig unbekannt , und Sitten und Gebräuche in Haus und Synagoge verschwinden mit einer überraschenden Schnelligkeit , dank dem Hange des jüdischen Volkes zu allem Äufserlichen . Fast zeitig entstanden in Hamburg und Wien Gesellschaften für jüdische Volkskunde . Die Jahresberichte der Wiener „ Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst - und historischen Denkmälern des Judentumes“ zeugen von einem fröhlichen Gedeihen des nehmens , dasselbe bekunden die Mitteilungen der „ sellschaft für jüdische Volkskunde“ in Hamburg , von denen bis jetzt vier inhaltreiche Hefte vorliegen . Beide Gesellschaften besitzen für die kurze Zeit ihrer stenz ziemlich reiche Museen . Aber Gefühle , die man bei allen anderen Völkern hochschätzt — wie tät , Wahrung des Volksgeistes , Kampf ums Dasein u . dgl . — , die nimmt man den Juden oft übel . Im Zeitalter des Separatismus müssen die Juden politen sein , während man ihnen eben diesen Zug noch vor kurzem vorwarf . Die Juden , falls sie nicht untergehen wollen oder können , müssen Juden sein , — das ist die beste und einzige Lösung der Judenfrage . Man kann Jude und zugleich ein
treuer deutscher Bürger sein , wie man Deutscher und zugleich schweizerischer oder russischer Bürger sein kann .
Ich habe diese kurze Einleitung für nötig gehalten , da mancher Leser bezweifeln wird , ob es eine jüdische Volkskunde überhaupt gebe . Da es keine Juden , dern nur Deutsche jüdischer Konfession giebt , so kann es doch keine besondere jüdische Volkskunde geben , wie es keine katholische giebt . Das ist der gang vieler Nichtjuden , aber auch der vieler Juden . Man vergifst dabei , dafs es aufser den wenigen schen Kommerzien - , Justiz - und Sanitätsräten noch eine grofse jüdische Masse giebt , die an ihren lieferungen und Idealen festhält , die ein reiches , von der Umgebung grundverschiedenes Gemütsleben besitzt , das noch zu erforschen ist .
Ich habe die Absicht , im folgenden nur Materialien zur Volkskunde der südrussischen Juden mitzuteilen , mir eine künftige Bearbeitung derselben vorbehaltend .
Die Wiedergabe ist eine phonetische , nur entspricht y dem russischen Li , in ei ist das e wie e und in s’ch sind beide Laute getrennt auszusprechen .
Die hebräischen Worte sind kursiv gedruckt .
Jüdische Volkslieder1 ) .
1 .
Ynter dem Kynds Wiegele Steit a klurwass Ziegele .
Dus Ziegele ys gefuhren Land len Noch Rosinkes yn noch Mandlen .
Schich yn Sekelech wet men dem Kind koifen ,
Yn Cheider ( Schule ) wet es loifen ,
Myt Pytter wet men die Bylke ( Brot ) beschmieren ,
Der Vuter mjY der Mytter solln ihm derleiben zy der Chype ( Trauung ) fihren .
Dus ys die beste S'choire ( Ware ) .
Dus Kynd wet lernen Toire ,
Toire wet es lernen ,
Sphurym ( Bücher ) wet es schraben ,
A giter yn a frymer Id wet mir dus Kynd blaben .
Toire ziwe luni Moische merusche ( Das Gesetz hat uns Mose geboten als Erbe , Deuter , XXXIII , 4 ) ,
Zy der Barmyzwe ( Konfirmation ) wet es sugen a Dnisclie ( Predigt ) ,
Zy der Drusche wet es sech stellen ,
Der Vuter myt der Mytter wet unquellen ( zufrieden sein ) , Gur dem Oilem ( Versammlung ) wet san gefellen ,
Gur dem Oilem , gur der Welt ;
Der Vuter myt der Mytter wet gibn Nadn ( Mitgift ) assach ( viel ) Gelt . ( Elisabethgrad , Gouv . Cherson . )
22 ) .
Schluf man Veigele ,
Mach zi dus Eigele ,
Schluf sech ois man Kynd .
Di schlufst myt Ereid ,
Di weifst nyt vyn ken Leid Schluf sech ois gesynt .
Ich dan Mytter Byn dan Beschytzer ,
Schluf sech ois gesynt .
Der Schluf der giter Asoi wi a Hiter Steit ba dir bys fri ,
Myt san Eligele Yber dan Wiegele Dekt er dech styl zi .
Di spielst sech af dan Bryst
B In den Mitteil . d . Ges . f . jüd . Volkskunde in Hamburg sind von einigen hier folgenden Liedern Varianten öffentlicht .
2 ) Scheint eine verdorbene litterarische Bearbeitung eines Volksliedes zu sein .