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Volltext: Globus, 77.1900

Dr . Wilhelm Behrens : Am Nordrande der Sahara . 
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schon schlimm sein . Auf den Fleischbänken liegen gewogene Stücke Fleisch oder Magen und anderes kröse , oft buchstäblich schwarz von Fliegen . Daneben hat sich ein Garkoch etabliert ; ein Junge mit blutigen Händen steckt kleine Nierenstückchen auf den draht , auf kleinen Öfen schmort es und kocht es , und die Wohlgerüche steigen zum Himmel empor . An anderen Stellen wird Brot verkauft , dort Gemüse , Lauch , Citronen , Apfelsinen , Mispeln , Datteln , spanischer Pfeffer , sogar alte , geschrumpfte Äpfel . Auf einem Markte handelte auch Einer mit Schmierseife — wozu sie die Eingeborenen gebrauchen , mag Allah wissen ! 
Zahlreich sind die Verkäufer von allerhand Schmuck - und Kurzwaren . Sehr häufig sieht man ausgestopfte , über fufslange Eidechsen mit Augen von Glasperlen ( ein beliebter Zierat für die Wohnungen ) , Flöten aus Rohr , Rosenkränze , Nadeln , Metallschlösser , Taschen und Täschchen aus rotem Leder , mit Messing - oder Neusilberdraht benäht , fahnenförmige Fächer aus fiedern geflochten und mit bunter Wolle oft sehr schmackvoll bestickt , Pulverhörner , kleine Hörnchen , die als Schnupftabaksdosen dienen , Dolche , lange Messer in hölzernen , bemalten Futteralen , Flinten , die bei uns in jedem Altertumsmuseum Platz finden würden — ein ganzes Arsenal könnte man für billiges Geld erstehen , wenn man es nur gleich in Europa hätte ! 
Anderwärts werden Tuchwaren und Wolldecken geboten , meist von Juden ; dort hockt ein Althändler aus dem Gelobten Lande vor seinen verrosteten waren , zwischen denen man sogar europäische platten findet ! Grofse Haufen von Gerste , von roher , stinkender Wolle harren des Käufers . 
Zwischen allen diesen handelnden Gruppen sitzen oft lautlos , und ohne sich an das umgebende Getöse zu kehren , ein paar Spieler . Brettspiel und Domino sind die bevorzugten Spiele , beide werden ähnlich wie bei uns gespielt . Regungslos starren die Partner auf das Brett , und nur wenn ein besonders wichtiger Zug zu machen ist , pflegt sich der Spieler durch eine gewaltige Prise aus seinem Schnupftabakhörnchen zu dem grofsen Werke zu stärken . Oft sehen Andere zu , aber niemals fällt es Jemandem ein , den Spielenden einen Rat zu teilen oder auch nur eine Bemerkung zu machen . 
An besonderem Orte stehen zum Verkauf Hammel , Schafe , Esel , Ziegen , alle mit zusammengebundenen Vorderbeinen , während man dem Kamel , welches sich nicht fortbewegen soll , nur ein Vorderbein winkelförmig aufbindet . Ziegen , welche zum Milchverkauf hergetrieben sind , tragen einen tutenförmigen , aus Gras geflochtenen Maulkorb , damit sie nicht von den umherliegenden fällen fressen können . 
In den Strafsen , die den Markt umgeben , finden sich zahlreiche Kaffeehäuser . Hier waltet der kahuadji , der Kaffeemann , seines gewichtigen Amtes ; mit dem Fächer schürt er das Holzkohlenfeuer des kleinen Ofens an , auf dem der schwarze , schlammige Trank brodelt . An einem Holzbört hängen die Kaffeetassen ( bunt bemalte tassen aus Porzellan , aus Europa eingeführt ) ; die weifsen Wände sind bemalt mit rohen schwarzen , blauen , roten Darstellungen ohne Perspektive : einem Palmenbaume , einem Vogel , einem Schiff , jenem Wunderdinge , welches , wie man erzählt , auf einem grofsen Wasser schwimmen i 
soll ! An den Wänden ziehen sich mit Matten belegte Holzbänke hin , auf denen die Besucher mit abgelegten Pantoffeln hockend sitzen , den fendjel kaliua , die Tasse Kaffee , mit der Hand umfassend , bedächtig daraus schlürfend . Der Wohlhabende aber , der sich einen sonderen Genufs verschaffen will , läfst sich den schwarzen Trank mit einer Hand voll ssekkr versüfsen . Vor dem Kaffeehause auf der Strafse sind gleichfalls Matten gebreitet , und auch hier hocken die weifsen Gruppen der schweigsamen Männer , die Tasse in der Hand und die Wasserpfeife rauchend oder Domino spielend . So sitzen sie oft stundenlang regungslos da , und die gefleischten Wirtshausgänger oft tagelang . 
Kommt aber die Zeit des Abendgebetes , dann erhebt sich die schweigsame Gruppe ; jeder zieht seinen Burnus aus und breitet ihn auf die Matte nach Osten zu . Nun ergreift der Betende eine Handvoll Staub und reibt mit Brust und Beine . Denn Allah , der Grofse , hat fohlen , dafs vor jedem Gebet eine Abwaschung finden hat . Da nun aber , zumal in der Wüste , nicht überall Wasser zu haben ist , so hat Mohammed , der Prophet , im Namen des Allbarmherzigen bestimmt , dafs solche heilige Waschung auch mit Sand vorgenommen werden könne . Und wird Allah zürnen , wenn der Gläubige auch dort Staub nimmt , wo Wasser vorhanden , welches so schrecklich nafs und kalt ist ? — Nach endigter Waschung stellt sich der Betende , nach Osten schauend , hinter den Burnus , die Arme straff haltend . Kurz darauf folgt eine rechtwinkelige wegung des Oberkörpers , wieder ein Augenblick der Ruhe ; dann werfen sich die Gläubigen auf die Kniee und drücken nach Osten gewandt das Gesicht auf den am Boden ausgebreiteten Burnus . Nach ganz kurzer Zeit erhebt sich der Betende und wiederholt das Ganze zwei - bis dreimal . Damit ist die Andacht beendet und mit den Worten : „ Allah akbar mochammd rsull ul allah“ ( Gott ist grofs , Mohammed ist der Gesandte Gottes ) wirft er seinen Burnus wieder über . 
In den Oasen des Ued Rhir , von Biskra bis nach Tuggurt hinab , fehlt in den Kaffeehäusern auch nicht das Ewig - Weibliche . In den Bergen südlich vom el - Hodnä wohnt der Stamm der Uläd Nail , der seine Töchter oft schon im Kindesalter als Priesterinnen der Terpsichore in die Oasen der Wüste hinaussendet . sonders Biskra ist ihre Hauptniederlassung , dort haben sie eine ganze Strafse inne , und am Tage sitzen die Tänzerinnen Cigaretten rauchend vor den Häusern auf Strohmatten . Sie sind übrigens nur zum Teil jung und hübsch , man sieht auch viele alte und häfsliche . Sie tragen grellfarbige , bunte Gewänder und einen bunten Turban , und sie sind mit vielen silbernen Armspangen und anderen metallenen Zieraten behängen . Die meisten haben auf dem Kopfe einen grofsen , kastenartigen bau von fremdem und eigenem Haar , der aus dick flochtenen , bis über die Ohren herabhängenden und dann wieder hinaufgebundenen Zöpfen besteht . zieht man ihre Strafse , so wird man von allen Seiten mit den Worten : „ Sidi , hast Du nicht eine Cigarette für mich ? “ empfangen . Ihr abendlicher Tanz mit schall und quiekenden Pfeifen und dem Geklapper der Arm - und Fufsspangen ist übrigens nur nach dortigen Begriffen schön , und die sonst so ruhigen Männer raten dabei oft geradezu in Verzückung .
	        
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