Buchbesprechungen
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Hauser-Schäublin, Brigitta (Hg.): Ethnologische Frauenforschung: Ansätze, Methoden,
Resultate. 331 S. Berlin: Dietrich Reimer Verlag 1991.
Dieser Sammelband will einen Überblick über die deutschsprachige ethnologische Frauen
forschung geben, die im Vergleich mit der Situation in den anglophonen Ländern noch in den
Kinderschuhen steckt. Ziel des Buches ist es, einen Einblick in die verschiedenen Forschungs
richtungen zu vermitteln, theoretische Ansätze vorzustellen oder wieder ins Gedächtnis zu
rufen. Der Band gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil besteht aus 6 Beiträgen, die zwischen
1893 und 1956 geschrieben wurden, während im zweiten Teil (5 Beiträge) neuere Forschungsan
sätze und -ergebnisse zur Diskussion gestellt werden. Die Beiträge behandeln unterschiedliche
Regionen und sind interdisziplinär angelegt, da auch Ethnopsychoanalytikerinnen und eine
Soziologin vertreten sind. Das Spektrum deutscher Autorinnen wird durch zwei Amerikanerin
nen ergänzt, deren Auswahl mir in einer Einführung über deutsche feministische Ethnologin-
nen allerdings wenig plausibel erscheint. Vervollständigt wird der Band durch eine informative
Einführung in die Entwicklung der ethnologischen Frauenforschung sowie durch eine etwas
ausführlichere Bibliographie, die wegen ihrer Unvollständigkeit jedoch eher unbefriedigend
bleibt. Arbeiten namhafter Ethnologinnen (u. a. Grohs 1980, Behrend 1985) über afrikanische
Frauen finden darin ebenso wenig Berücksichtigung wie die zahlreichen Beiträge zur entwick
lungspolitischen Diskussion, an der sich ebenfalls Ethnologinnen beteiligt haben.
Die Beiträge im ersten Teil bestehen vornehmlich aus Studien, die vor dem 2. Weltkrieg
geschrieben wurden. Zwei der in diesen Band aufgenommenen Pionierinnen -Hilde Thurnwald
und Caecilie Seler-Sachs, hatten kein Hochschulstudium absolviert, konnten sich aber an der
Seite ihrer Ehemänner im Verlauf längerer Feldforschungen ethnologisch qualifizieren und mit
eigenen Publikationen an die Öffentlichkeit treten. Interessant ist dabei vor allem, daß sie -
obwohl den theoretischen Ansätzen ihrer Ehemänner verhaftet-eine eigene Perspektive entwik-
kelten und die Situation der von ihnen untersuchten Frauen einfühlsam beschrieben. Persönlich
engagiert ist auch der Literaturbericht über afrikanische Kindererziehung von Anneliese Eilers,
die 1927 als vermutlich erste Frau in Ethnologie promovierte. Trotz einer sehr heterogenen Quel
lenlage bemühte sie sich um eine kulturimmanente Interpretation, da sie, wenn immer möglich,
afrikanische Sprichworte und Märchen zur Illustration sozialer und emotionaler Vorstellungen
heranzog, die die Erziehung beeinflußten. Darüberhinaus legte sie großes Gewicht auf eine diffe
renzierte Darstellung zwischen vaterrechtlichen und mutterrechtlichen Familien- und Sippen
verbänden. Bei allen diesen Autorinnen fällt auf, daß sie in viel größerem Maß als etwa in den
1950er und 1960er Jahren ethno-soziologische Fragestellungen und Probleme behandelten.
Der erste Teil wird durch zwei „ausländische“ Beiträge vervollständigt. Im ersten, dem von
Truman Michelson 1925 herausgegebenen Lebensbericht einer Fox-Indianerin, die anonym
bleibt, werden in eindringlichen Bildern die wichtigsten Stationen eines Frauenlebens geschil
dert: Kindheit/Pubertät, Heirat und Eheprobleme, Geburt der Kinder, Scheidung und spätere
Witwenschaft. In dem anderen Beitrag schildert Margaret Mead das Leben von Phebe Clotilda
Coe Parkinson, die als Tochter einer samoanischen Adligen und eines amerikanischen Seefah
rers mit dem deutschen Ethnologen und Sammler Richard Parkinson verheiratet war. Faszinie
rend an diesem Lebensbericht ist zum einen die Selbstverständlichkeit, mit der Phebe Clotilda
Coe Parkinson zwischen den Kulturen lebte, ohne sich einer ganz zugehörig zu fühlen; zum
anderen ermöglicht er einen authentischen Blick auf jene frühe, koloniale Welt, in der sich ein
Lebensstil herausbildete, der sowohl durch kulturelle Entfremdung, rassische Hierarchien und
bewußte Selbstbehauptung geprägt war. Abgeschlossen wird der erste Teil durch einen Aufsatz
von Sigrid Westphal-Hellbusch, die am Beispiel irakischer Transvestiten schon sehr früh auf die