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Bibliographische Daten: Zeitschrift für Ethnologie, 93.1968

. Buchbesprechungen und Bibliographien 
teilweise noch heute. Manches, was zunáchst gesichert schien und für die Abge- 
schlossenheit des amerikanischen Kontinents angeführt wurde, mußte im Verlaufe der 
letzten Jahrzehnte revidiert werden. Eine kulturgeschichtliche Isolierung Amerikas 
muß heute als überholt gelten. 
Aus Norwegen kommt ein Buch in deutscher Übersetzung, in dem der Jurist und 
Amateur-Archäologe Helge Ingstad, norwegischer Gouverneur auf Spitzbergen und 
Leiter verschiedener arktischer Forschungsaufträge, über seine fünf Expeditionen in 
den nordöstlichen Teil Nordamerikas, bei denen an der Nordspitze Neufundlands 
normannische Siedlungsreste entdeckt wurden, berichtet. 
Den geschichtlichen Hintergrund der Entdeckungen Grönlands und Nordamerikas 
bildete die Zeit der Wikinger, deren zunächst kleinere westliche Seeräuberzüge nach 
den Küsten Englands und Schottlands sich schließlich zu großen Heerzügen und Ent- 
deckungen wie auch zur Inbesitznahme neuen Landes auswuchsen. 
Die Entdeckung Grönlands und Nordamerikas ist vor allem mit Eirik und seinem 
Geschlecht auf das engste verbunden: Aus dem südwestlichen Norwegen stammend, 
mußte die Familie wegen Totschlags fliehen und siedelte sich in Island an. Nach er- 
neutem Streit und Totschlag wurde Eirik, der Rote, für vogelfrei erklärt, segelte nach 
Westen und entdeckte und erforschte die Südwestküste Grönlands. Damit wurde Nord- 
amerika, nur noch getrennt durch die Davis-StraBe, Nachbarland. Eiriks Kinder, dar- 
unter Leiv Eriksson, unternahmen von Grónland aus Fahrten nach dem Westen und 
gelangten bis nach ,, Vinland". 
Die Quellen Ingstads für die verschiedenen Vinlandfahrten sind vor allem 
,Groenlendinga Saga' und ,Eiriks Saga Rauda". AuBerdem werden noch eine Reihe 
anderer Berichte angeführt und kommentiert, in denen die Vinlandfahrten mehr bei- 
làufig erwáhnt sind. Aus den verschiedenen Beschreibungen der Sagas ergibt sich, daB 
die voneinander getrennten Lánder Helluland (— Steinland - Baffinland), Markland 
(= Waldland = Labrador), Vinland (= Neufundland) des ôfteren berührt wurden. 
Im Gegensatz zur bisher allgemein üblichen Auslegung des Wortes vin = Wein 
= Weintrauben interpretiert der schwedische Sprachwissenschaftler Soederberg das 
Präfix vin mit der altnordischen und wissenschaftlich korrekten Bedeutung für ‚„Gras- 
oder Viehweideland'". Nichts war im Denken der Siedler wichtiger für das mitgeführte 
Vieh als Weiden, und in der Tat ist die Nordküste Neufundlands mit weiten Natur- 
wiesen bedeckt. 
Die Nordgrenze des Vorkommens wilder Weintrauben an der Ostküste Amerikas 
liegt dagegen in einem Gebiet, das wesentlich weiter südlich anzusetzen ist, als die 
Wikinger nach den Distanz- und Zeitangaben der Sagas segelten. Das soll aber nicht 
heißen, daß es die Vinlandfahrer nicht verstanden hätten, aus den in reicher Zahl vor- 
kommenden Wildbeeren (Squash-Berries, Viburnum Pauciflorum etc.) Wein, der ja in 
der verwandten Form von Met und Bier in der Wikinger-Zeit eine bedeutende Rolle 
spielte, herzustellen. 
Ein weiterer Beweis für Ingstads Behauptung, Vinland sei gleichbedeutend mit 
Neufundland, ist die sogenannte Skolholt-Karte des Isländers Sigurdur Stefansson aus 
dem 16. Jahrhundert, auf der an der nördlichsten Landspitze Neufundlands die Be- 
zeichnung „Promontorium Winlandiae‘ steht. Eine ähnliche Karte mit lateinischem 
Text, die keine Kopie der Stefanssonschen Karte sein kann, stammt aus dem Jahre 
1605. Es ist die von Hans Poulson Resen gezeichnete Karte, die heute zu den Schätzen 
der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen gehört. 
In Ingstads Bericht wird erstmalig eine kürzlich in Ungarn in einer Privatsamm- 
lung entdeckte Karte veröffentlicht, die im wesentlichen mit der Skolholt-Karte über- 
einstimmt, möglicherweise sogar eine Kopie ist und die Fahrtroute von Norwegen über 
Island — Grönland — Helluland — Markland bis nach , Winlandiae" angibt. 
. Die Vinlandfahrer stieBen nach den Sagas in Markland/Vinland auf ,,Skraelinger". 
Die Angaben scheinen sowohl auf Eskimo als auch auf Naskapi-, Montaignais- und 
Beotuk-Indianer zuzutreffen. Bei den Eskimo dürfte es sich um Leute der Dorset-Kultur 
(800 v. Chr. bis 1300 nach Chr. und spáter um die nach dem Nordosten ziehenden 
Thule-Eskimo gehandelt haben. Die archáologischen Funde von Kulturgütern der 
Dorset-Leute bestátigen diese Vermutungen. 
In den Jahren 1960 — 64 führte Ingstad eine Reihe von systematischen Unter- 
suchungen per Flugzeug und Schiff durch. Bei den daran anschließenden Grabungen 
waren Geologen und Archäologen aus verschiedenen nordeuropäischen Ländern sowie 
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