Zur Methode der Trachtenforschung .
135
Tracht , sondern suchten sie durch oft sehr fragwürdige Mittel zu 'erhalten' , ohne sich darüber klar zu sein , ob dies Ziel überhaupt erreichbar war .
Weit schwerwiegender aber als diese romantische Einschätzung der Volkstracht war der andere Nachteil , den das Versäumnis der wissenschaftlichen Volkskunde zur Folge hatte ; schwerwiegender , weil er kaum wieder gut zu machen ist . Denn während dieser Zeit schwand die Tracht langsam , aber unaufhaltsam , und städtische Modekleidung eroberte ein Gebiet nach dem anderen . Und wo die Tracht verschwand , da schwand sie zumeist fast spurlos . Die ältere Generation , die an ihr hielt , trug die Kleidungsstücke auf , und das nachwachsende Geschlecht ging von Kindesbeinen an städtisch gekleidet . Es ist in vielen Gebieten , in denen noch vor einem halben Jahrhundert die Tracht ganz allgemein üblich war , heute schon fast unmöglich , noch ein einziges volkstümliches Kleidungsstück aufzufinden ; und wo man noch eins entdeckt , ist es ein kostbarer Fund von unersetzlichem Wert . Da die vorhandenen bücher mehr Gewicht auf malerischen Eindruck als auf peinlich genaue Wiedergabe der Tracht und ihrer Einzelheiten legen , da zudem auf den Bildern auch nur die oberen Kleidungsstücke zu sehen sind und Schnitte der Unterkleider und Wäsche völlig fehlen , ausserdem auch die schreibungen fast ausnahmslos sehr oberflächlich und ohne Abbildungen oft ganz unverständlich sind , können sie den Verlust des und Studienmateriales in keiner Weise ersetzen . Dass dieser werte Verlust nicht dadurch wieder ausgeglichen werden kann , dass in einzelnen Gebieten des deutschen Volkstums die Tracht noch heute lebendig ist , braucht an dieser Stelle nicht ausdrücklich hervorgehoben zu werden . Denn wie die Volkslied - und Märchenforschung aus der Ver - gleichung des in verschiedenen Landschaften und Ländern gesammelten Stoffes die fruchtbarsten Anregungen und bedeutsamsten Gesichtspunkte gewinnt , so kann sich auch die Trachtenforschung nicht auf ein einzelnes , engbegrenztes Gebiet beschränken . Auch sie bedarf eines Vergleichs - materiales , wenn sie nicht die wichtigsten Fragen nach Herkunft und Alter der Tracht ungelöst lassen will . Indes dürfen all diese Schwierigkeiten nicht etwa abhalten , die wissenschaftliche Erforschung der V tracht zu den dringlichsten Aufgaben der Volkskunde zu rechnen . freulicherweise mehrt sich das Interesse für die Behandlung dieses bietes ; es wird aber nach unseren bisherigen Ausführungen nicht nehmen , wenn das Fehlen feststehender methodischer Grundsätze den Wert mancher Veröffentlichung stark beeinträchtigt . Es wird daher zunächst eine Verständigung über die Methode der Trachtenforschung forderlich sein , und diesem Zweck sollen die folgenden Bemerkungen dienen .
Wer es sich zur Aufgabe stellt , die Volkstracht eines gewissen bietes zu erforschen , wird natürlich von der heutigen Form dieser