DER URSPRUNGSORT CHICOMOZTOC
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Das erinnert doch zu sehr an den bekannten Vorgang, in dem die eben am Himmel er
schienenen großen Gestirne Sonne und Mond zunächst 4 Tage still standen und erst dadurch,
daß sich die Götter opferten, in Bewegung kamen. Denn in unserem Text ist ja nicht nur das
viertägige Stehen über der Erde, sondern daran anschließend das Heilen der Adlerschale
(quauhxicalli) erwähnt, das, wie der Text nachher weiter ausführt, in der Tat ein Blutopfer
bedeutet. Also muß man annehmen, daß das Herauskommen aus der Höhle eigentlich ein
Eintreten in den Kreislauf der Gestirne bezeichnet, aber nicht als Sonne oder Mond, sondern
als Sterne. Im Berge sind sie eigentlich noch nicht in der Bahn der Sterne gewesen, sie sind
noch nicht am Himmel lebendig geworden. Das geschieht erst in dem Augenblick, wo sie
aus dem Berge. - anscheinend auf die Erde — herausgelassen werden. Der Vorgang, daß
sie mit ihrem Licht am Himmel erscheinen, ist aber mit ihrer Laufbahn auf Erden identisch,
insofern sie gleichzeitig auch auf Erden gegenwärtig gedacht werden, weil sie mit ihrem Licht
die Erde besuchen. Deshalb wird, wie z. B. aus dem bereits angeführten Liede an die Mi-
mixeoua, die Sterngöttei, hervorgeht, der Ausdruck „ich kam herab“ gleichbedeutend mit
„ich wurde geboren“ gebraucht.
Wenn man sich die Beschreibungen der mythischen Wanderungen mancher Stämme,
z. B. der Azteken vergegenwärtigt, wird man sehen, daß man öfters nicht weiß, ob der
Wanderweg am Himmel oder auf der Erde liegt. Als sie z. B. nach dem „Lande der Wolken
schlangen , also, nach Chicomoztoc kamen, fielen diese Mimixcoua auf die Kugelkakteen
und c irma azien herab. Man sieht sie im Codex Boturini mit der charakteristischen
Sterngesichtsbemalung“ um die Augen auf den genannten Gewächsen auf dem Rücken
legen, ganz wie die Häuptlinge der Chichimeken auf den Schirmakazien 1 . Auch in diesem
a e ist uetzi, herabfallen == geboren werden aufzufassen, ebenso wie temo, herabsteigen 2 ,
es a wir auch durch diese Stelle erwiesen, daß das viertägige Fasten der Chichimeken-
fürsten auf. den Dornakazien eigentlich das Erscheinen, Aufgehen von Sternen bedeutet.
Das Heilen der Adlerschale am Gesäße durch das hineinzuschüttende Opferblut, wodurch
die bewegungslosen neu geborenen Sterne in Bewegung gesetzt werden sollen, ist wiederum
eine ganz neuartige Auffassung des Opfervorganges, der sonst meistens als Nahrungszufuhr
für den Sonnengott mittels der Herzen und des Blutes der Geopferten angegeben wird. Hier
ist der Zweck des Blutopfers dagegen die Heilung der Verdauungsstörung eines Gefäßes, das
dadurch ernährt und willensstark gemacht werden soll. Die Adlerschale ist also als lebendiges
Wesen aufgefaßt, das genährt und willensstark gemacht werden kann, um die Aufgabe
des himmlischen Kreislaufes der Gestirne ausführen zu können. Wenn man bedenkt, daß die
Kurbisschale auf dem Altar der heutigen Cora das Weltbild enthält und damit das Urbild
der .altmexikanischen Sonnenscheibe mit dem Olin-Zeichen in den Opferblutschalen der
Mexikaner darstellt 3 , so ist die hier im Text gegebene Idee der Welt als eines lebendigen We
sens nicht wunderbar. Der Umstand, daß die Adlerschale auf der Innen(Ober)seite das Son
nen 1 ’ au _ er Unterseite das Erdinnere in Gestalt einer Göttin bzw. eines Ungeheuers
zeigt, deutet ja auch mit Sicherheit darauf hin, daß es sich bei diesen Schalen nicht um die
Sonne, sondern um die ganze Welt handelt.
Bekannt ist die altmexikanische Darstellung des Erdinnern durch das packende Bild
eines aufgesperrten Ungeheuerrachens, in dem z. B. im Westen die untergehende Sonne
versinkt. Die notu endige Ergänzung dazu wäre das Herauskommen der Sonne im Osten aus
dem After des betreffenden Ungeheuers. Ein solch unästhetisches Bild findet sich zwar nir
gends, die Idee ist indessen aus unserem Text als vorhanden zu erkennen, denn die Adler
schale, die Welt, muß am Gesäß geheilt werden, damit sie ihre Funktion des Kreislaufs der
; Seler Gesammelte Abhandlungen, II, S. 3 8f. 3 K Th _ p reuß? Eine neue Auffassung des sog. mexika-
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