Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 11.1901

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Weinhold : Büclieranzeigen . 
künde ist , Alter und Herkunft der einzelnen Stücke zu bestimmen , was nur bei der Beschränkung auf kleine Gebiete möglich wird . 
Prof . Perd . J . behandelt nun zuerst die Tracht im Breidenbacher Grunde oder dem Perfgau ( pagus Pernaffe ) , der sich in das Ober - und in das Untergericht teilt . Er stellt gleich an die Spitze den grossen Unterschied zwischen der Männer - und Frauentracht . Die erstere schliesst sich der städtischen möglichst an und ist sehr unscheinbar : bei einem Pfingstreigen , dem Hr . J . 1895 ) hinter Steinperf zusah , schien ihm als ob Edelfräulein mit ihren Knechten tanzten . Er stellt die tracht also zunächst ganz in den Hintergrund und beschäftigt sich allein mit der weiblichen , indem er die einzelnen Stücke sehr eingehend beschreibt . Die ganze Kleidung besteht aus dem langärmlichen Leinenhemd , dann dem sogen . Büffel , einem ärmellosen anschliessenden wollenen grünen Kleide , über dem ein leibchen oder ein feines Oberhemd liegt . Das Oberkleid teilt sich in ein weites offenes Mieder ( Samtbrust , oder Brust ) , das mit schmalem geblümtem Bande schnürt wird . Diese Verschnürung hält auch das darunter liegende gestickte Brusttuch fest , das eigentliche Zierstück der hessischen Frauentracht . Hr . J . handelt hier im besonderen über die hessische Stickerei , die mit Vorliebe Rose , Tulpe und Grasblume ( Nelke ) zur Darstellung wählt . — Den zweiten Teil des Oberkleides giebt der Rock oder Kittel . Hiernach werden Schürze , Strümpfe , Schuhe schrieben , sowie die Haartracht ( Zöpfe ) und die Mütze . Letztere ist im Perfgau eine den um den Kopf gelegten Zopf bedeckende und für den Hinterkopf geschnittene kegelartige Röhre , die aus steifem Papier gemacht wird , das mit Tuch überzogen ist . Herr J . weist ( S . 24 . 25 ) nach , dass sich hierin die alterliche brabantische Mütze erhalten hat , die mit der Herzogin Sophie von Brabant , der Tochter der hl . Elisabeth , 1248 nach Hessen gekommen ist . 
Im Untergericht des Perfgaus ist die weibliche Kleidung im wesentlichsten dieselbe . Leider kommt das Brusttuch in der Gegenwart hier ab und wird durch das sogen . Tuch , das ihm auch im Obergericht schon hinderlich ist , ein wollenes Halstuch , verdrängt . Die Mütze , die den elliptisch hinten aufgesteckten Zopf bedeckt , heisst Stülpehen und ist von der brabantischen Mütze des gerichts verschieden . Das Stülpehen besteht aus einer am Hinterkopf sitzenden , 13 cm hohen Röhre , die unten an den Seiten Ohrlappen mit kleinen Schuppen hat , und aus der eigentlichen Mütze , deren Boden eine flache runde Scheibe bildet . Gotische gestickte Ornamente bedecken die Röhre wie die Scheibe . Herr Justi weist diese Kopfbedeckung auf Bildwerken des ausgehenden 15 . und des 16 . hunderts nach . Jedenfalls ist das dem Obergericht im Perfgau eigentümliche Stülpehen sehr alt . Beim schwarzen Traueranzuge und in der Kirche ist es weiss . Die weissen Abendmahlstülpchen sind mit sehr schöner weisser und schwarzer verschiedenartiger Stickerei geschmückt . 
Unter No . H wird die Frauentracht westlich der Lahn beschrieben . Vor liegt als erstes Stück der Kreis Marburg . Die Teile der Kleidung sind dieselben , aber mit Besonderheiten . So wird über dem Büffel ein weissleinenes knappes Mieder getragen , das Kimmetche oder Halstuch , mit weiten glockenförmigen Ärmeln , die bis an den Ellbogen reichen und die Hemdärmel bedecken . Herr J . macht liber diese Ärmel eine lehrreiche geschichtliche Ausführung ( S . 32—34 ) . Über das Oberkleid samt dem oft prächtig gesticktem Brusttuch wird noch ein zweites Kimmetche ( das schwarze oder obere ) getragen , das indessen jetzt von dem Motzen , einer schwarzen vorn zugehakten Oberjacke , verdrängt ist . Schwarz ist überhaupt die Farbe der ganzen Kleidung bis auf die weissen Strümpfe , und eine solche Kirchgemeinde macht einen ungemein ernsten feierlichen Eindruck . Die jetzige Jugend stellt sich leider in Gegensatz hierzu und nimmt bunte Tracht an .
	        
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