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Volltext: Zeitschrift für Ethnologie, 75/77.1950/52

  
  
Buchbesprechungen und Bibliographien 277 
ferner darin, daß der Hochgott auf handwerkliche Art die Welt bildet und ihr dann 
Leben einhaucht, während durch die Dema-Gottheit die wichtigsten Erscheinungen 
in der‘ Welt dadurch entstehen, daß diese Gottheit von den damals lebenden 
Menschenwesen getötet wird. Damit hört die Urzeit auf und beginnt ein neuer Aon. 
An Stelle der Unsterblichkeit tritt sterbliches Leben, aber in Verbindung damit ent- 
stehen Fortpflanzungsfáhigkeit, Nahrungsbedürfnis und die Seinsform, die nur be- 
stehen kann dadurch, daB Leben vernichtet wird. Wenn Jensen dann weiter sagt, die 
getótete Gottheit verwandle sich in die Nutzpflanzen, so ist das vielleicht schon 
degenerierte Anwendung. Es scheint vielmehr das Verhältnis zwischen Gott und Nutz- 
pflanze ursprünglich rein symbolisch zu sein. Ähnlich steht es mit der ersten Toten- 
reise, welche die Dema-Gottheit unternimmt, wobei sie sich in das Totenreich ver- 
wandelt, dessen Abbild auf Erden das Kulthaus ist. Hier spielen bereits andersartige 
Ideen herein vom Eingehen der Toten in die Gottheit, die wohl mit Totemismus etwas 
zu tun haben und die Gottheit zu einem Kollektivum aus den Totengeistern werden 
lassen. Schließlich scheint auch die Beziehung der Dema-Gottheit zum Monde, die 
durchaus nicht allgemein ist, nur eine symbolische zu sein. Jensen kommt selbst zu 
dieser Feststellung in Zusammenhang mit einer Ablehnung astralmythologischer 
Theorien und sagt, daB es sich um überwiegend äußerliche Assoziationen von Gott- 
heit und Gestirn handle. Dasselbe gilt dann auch von allen Naturgottheiten, deren 
Wesen sich keineswegs in der Gleichsetzung mit der Naturmacht erschópft. 
Seine beiden Behauptungen, daB die Dema-Gottheit nur am Ende der Urzeit 
wirksam war und daB sie keine Gegenwártigkeit habe, schránkt Jensen selbst ein. 
Nur ist ihr Gegenwártigsein an die Vollbringung der Kulthandlung gebunden, d.h. 
an die Gegenwártigsetzung dessen, was in der Urzeit geschah, und damit der Gottheit 
selbst, die tatsáchlich nur handelnd im Sinne der mythischen Gegebenheit gegenwärtig 
werden kann. In diesem Augenblick ihres Gegenwártigseins ist es dann auch nicht 
sinnlos, zu ihr zu beten. Und mit Hilfe dieses Kultes, den sie selbst eingesetzt hat, 
greift die Dema-Gottheit dann auch in das irdische Schicksal ein. Durch die dauernde 
Wiederholung der Kulthandlung wird sie dauernd gegenwärtig und dauernd wirksam, 
der Mensch spielt dabei wesentlich die Handlangerrolle. Nach alldem dürfte also der 
Gegensatz zwischen Hochgott und Demagott doch nicht so kraB sein, wie Jensen 
annehmen will, obwohl damit keineswegs behauptet werden soll, daB es sich um ein 
und dieselbe Gestalt handle. Aber wenn Jensen selbst hervorhebt, daB die beiden 
Gottesvorstellungen bei ein und demselben Volke vielfach ungestört nebeneinander 
bestehen, so ist die Frage angebracht, ob das nicht vielleicht der ursprüngliche Zustand 
ist. Es kann nur eindringlich unterstrichen werden, wenn Jensen fragt, ob sich die 
Menschheit mit einer Gottesvorstellung wie dem höchsten Wesen des Urmonotheismus 
jemals zufrieden geben konnte. Er weist mit Recht in diesem Zusammenhang hin auf 
das Christentum, das neben dem höchsten Vatergott die Gestalt des getöteten Gottes- 
sohnes als Urhebers des gesamten Kultes stehen hat. So kann man Jensen zustimmen, 
wenn er P.Schmidt zugibt, daB bei ethnologisch sehr alten Völkern die Idee eines 
Hóchsten Wesens im Sinne von Schmidt vorkommt, daB aber diese Idee niemals allein- 
steht und daß sie niemals den eigentlichen Kern der religiösen Lebensformen (sic!) 
ausmacht. Wieweit dann von hieraus die so häufig vorkommenden Dual-Organi- 
sationen als Symbole religiöser Gegebenheiten zu werten sind, das muß noch genauer 
untersucht werden. 
In wichtigem Zusammenhang mit diesen Fragen stehen die Religionen der 
jágerischen Frühzeit, die Jensen in Kapitel VI seines Werkes bespricht. Es ist schade, 
daB er hier das Material von J. G. Frazer übergeht, der auf Grund desselben schon zu 
der Feststellung kommt, daB Stämme, die von der Jagd und der Viehzucht (!) leben, 
ebenso wie ackerbautreibende Vólker gewohnt waren, die Wesen zu töten, die sie 
verehrten. Wenn wir dies auf der einen Seite festhalten und auf der anderen Seite 
die Ansicht P. Schmidts nicht ganz von der Hand weisen, daß die Gottesauffassungen 
der Jäger von der Auffassung des Höchsten Wesens beeinflußt seien, können wir 
gerade bei Jägervölkern hoffen, den Hochgott- mit dem Demagottglauben vereinigt 
zu finden, womit dann diese Form als eine ältere gegenüber den Pflanzern zum 
wenigstens wahrscheinlich gemacht wäre. 
Darüber hinaus muß aber auch noch untersucht werden, ob die Annahme Jensens 
zu Recht besteht, daß das pflanzerische Mythologem in megalithischen Kulturen mit 
Anbau von Körnerfrüchten tatsächlich nicht ursprünglich ist. 
Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1952. 8 
  
 
	        
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