Volltext: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 9.1877

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der Geschichte zusammen mit der gesammten Richtung des geistigen Lebens ? Die Compensation , welche der geist in der Kunst suchte und fand , konnte von doppelter Art sein ; entweder sie wird als eine erwünschte , fast verständliche Ergänzung , ja als Bestandteil des Lebens , oder als Zuflucht betrachtet , welche das vom Leben Urlgewährte darbietet . Das erstere war der Fall bei den Griechen ; ses natürliche Verhältnis bleibt aber nicht bei allen Völkern dasselbe , es wird durch die zunehmende Subjectivität des Volksgeistes erschüttert , um sich dann in gewissen Typen zu verändern . Man muss erwarten , dass die Kunst , wie das politische und wissenschaftliche Leben sich in gewissen Typen entfaltet ; im Allgemeinen lässt sich nur sagen , dass sie immer menschlicher wird , wozu die griechische Tragödie ein liches Beispiel liefert . 
Da das Gefühlsleben eines Volkes sich in Religion und Kunst betätigt , so liegt es nahe , dass , wo die erste in dem was sie der großen Menge ist , schwindet , die zweite ihre ergänzende Hülfe darbietet . Den engen Zusammenhang ser beiden Richtungen des Gemüts hat u . A . Schiller betont ; er sagt : »ebenso sind wir auch verpflichtet uns durch gion und durch ästhetische Gesetze zu binden , damit unsre Leidenschaft in den Perioden ihrer Herschaft nicht die physische Ordnung verletze . Ich habe hier nicht ohne sicht Religion und Geschmack in eine Glasse gesetzt , weil beide das Verdienst gemein haben , dem Effect , wenngleich nicht dem innern Werte nach , zu einem Surrogate der ren Tugend zu dienen und die Legalität da zu sichern , wo die Moralität nicht zu hoffen ist« . Fände die Kunst gleich feine und allgemeine Empfänglichkeit vor , so wäre sie nach der Meinung des extremen Idealismus kein bloßes Surrogat , sondern sie würde Tatsachen des Guten eindringlich zu Ge - müte führen . Sicher vertrauen könnten wir darauf bei der Berechnung ihrer Wirkungen doch nur dann , wenn das »freie Spiel der Vorstellungen« notwendig auf eine duction sittlicher Ideen hinausliefe , was eben nicht der Fall ist . Die Frage nach dem moralischen Nutzen ästhetischer
        

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