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Bibliographische Daten: Anthropos, 109.2014

Trutz von Trotha * und Christine Hardung 
Friedensangebot eine kriegerische Herausforderung 
machen. Schreiber oder Boten als Mittler im münd- 
lichen Austausch können ihre Scharnierposition als 
Chance nutzen, um eigene Ziele zu verfolgen, wozu 
auch gehören mag, intermediäre Macht aufzubauen. 
Kapteine, die ihre Briefe selbst schrieben, ebenso 
wie die Empfänger selbst geschriebener Schrift- 
stücke waren gegenüber solcherart Fallen gefeit. 
Der Schreiber braucht sich um die Korrektheit des 
Schreibens keine Gedanken machen, der Empfän- 
ger kann eventuell schon an der Handschrift des Ab- 
senders erkennen, dass die Botschaft “authentisch”, 
also nicht diktiert ist. 
Als Vorkehrungen gegen die Unwägbarkeiten 
des Boten — sowie vermutlich als machtpolitische 
Maßnahme nach Innen und nach Außen — wandel- 
te sich mit dem Gehalt der Botschaft der Status des 
Botschaftsträgers. Zwar schienen auch wichtige 
Mitteilungen einfachen Boten anvertraut worden 
zu sein. Die Botschaft selbst aber blieb diesen Bo- 
ten äußerlich, sie transportierten sie lediglich wei- 
er. Botschaften, die als delikat oder so wichtig gal- 
ten, dass sie nicht dem Briefpapier, sondern allein 
dem Boten zur mündlichen Übermittlung anvertraut 
wurden, lassen sich ihrem Inhalt nach nicht mehr er- 
schließen, wohl aber in der Form ihrer Weitergabe. 
Sie wurden von Botschaftsträgern von hohem Rang 
äberbracht, die in das Geschehen, auf das sich die 
Mitteilung bezog, eingebunden waren. Solche Nach- 
richten waren verkörperte Botschaften. Der Bote 
vertrat einen Abwesenden, wobei ununterscheidbar 
wurde, dass der Abwesende dem Boten seine Stim- 
me verlieh ebenso wie der Bote seine Stimme dem 
Abwesenden lieh. Im Ergebnis war in solchem Bo- 
ten der Abwesende physisch indirekt gegenwärtig. 
Botengänge in wichtigen Angelegenheiten wur- 
den üblicherweise? engen Vertrauten des kapteins 
aus dem innersten Kern seines komandos anvertraut. 
Weil sich Mündlichkeit weitgehend der Kontrolle 
antzieht (Trotha 1994: 382), muss sich der Produ- 
zent der Nachricht der Loyalität seines Boten ge- 
wiss sein. So bedienten sich kapiteine verbündeter 
Kollegen oder der Missionare, die, wie auch an- 
dernorts, häufig zugleich als Intermediäre fungier- 
(en. Mündlichkeit und Schriftlichkeit überschnit- 
ten sich, wenn der Bote einen Brief zu übermitteln 
und um eine mündliche Nachricht zu ergänzen hatte 
oder der Brief letztlich nur das autorisierte Zeichen 
für die eigentliche, die mündlich zu überbringende 
Nachricht war. 
23 Es gab allerdings auch einen Alltagspragmatismus, der ein- 
schloss, dass sogar wichtige Briefe und Botschaften unerfah- 
renen “Knaben” anvertraut wurden; s. Vollmer (NAN 1858: 
96 f.). 
In einer Gesellschaft, die in hohem Maße mobil 
war, hingen Botendienste von der Verfügbarkeit und 
Disponibilität derer ab, die gerade vor Ort anwesend 
waren, Gelegenheitsdienste leisteten durchziehen- 
de lokale Reisende, Händler, Forscher, Missionare, 
die die Post mitnahmen. Auch dieser Botendienst 
beruhte auf personalen, wenngleich eher flüchtigen 
Beziehungen. Es waren Durchreisende, denen Ver- 
lässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit für den erbe- 
tenen Brieftransport zugesprochen wurde. In der 
Kriegs- und Friedensdiplomatie hatten die Boten je- 
doch einen Status, der in der deutschsprachigen Be- 
grifflichkeit dem von “Gesandten” gleichkam. Sie 
traten nicht selten in Delegationen auf. Ihre nume- 
tische Präsenz unterstrich die Wichtigkeit der trans- 
ferierten Botschaft und ließ die Übergabe selbst zu 
sinem sozialen Ereignis werden. 
Briefboten lebten gefährlich.?® Boten konnten auf 
ihrem Weg von Wildtieren angefallen, schlimms- 
tenfalls von Löwen gerissen werden. Regennässe 
konnte die Schriftstücke zerstören (Galton 1980: 
141) und die Briefträger dem Unwillen ihrer Auf- 
traggeber aussetzen. Transportierten die Boten 
Post über den Grenzfluss Oranje, bestand bei star- 
ker Strömung die Gefahr, dass Transportgut und 
Mensch fortgerissen wurden. 
Häufiger aber drohte den Briefboten, dass sie, 
in politischen Krisen- oder Kriegszeiten unterwegs, 
abgepasst wurden. Günstig erwies sich für solch ge- 
walttätigen Eingriff, dass Boten sich üblicherweise 
ausweisen mussten, ob öffentlich oder im Gehei- 
men — was bekannterweise zu einer risikoreichen 
Unternehmung von Spionen oder anderen “Spie- 
‚ern” mit falschen Identitäten werden konnte. Für 
die Nama/Oorlam Boten war vorgesehen, sich des 
Huts oder Stocks des Auftraggebers als Identitäts- 
ausweise zu bedienen (Budack 1972: 312). Für den 
Transport von Schriftstücken waren solche Ver- 
weisobjekte nicht mehr vonnöten. Zunächst noch 
in einen gespaltenen Botenstock geklemmt, begann 
man mit steigendem Transportvolumen, die Brie- 
fe und Dokumente in Fell- und Ledertaschen auf- 
zubewahren — mit der Folge, dass, gleichgültig auf 
welche Weise der Bote ausgewiesen war, nicht nur 
der Brief, sondern der Transportbehälter selbst den 
Boten optisch erkenntlich machte und ihn in unru- 
24 Vor allem die Missionare bedienten sich solcher Dienste. Die 
“kostspielige Briefbeförderung” kam für sie nur “sehr selten 
.„.. in Frage” (RMG 1867: 99). Häufig musste der Auftrag- 
geber den professionellen Boten das Reittier stellen und sie 
dann noch entlohnen. 
Boten galten laut Budack den Khoi-Khoi als unantastbar, 
ılcht jedoch den San. Zogen sie durch deren Gebiet, sollen 
die Boten immer zu mehreren unterwegs gewesen sein (Bu- 
Jack 1972: 312). 
Anthropos 109.2014
	        
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