Trutz von Trotha * und Christine Hardung
Friedensangebot eine kriegerische Herausforderung
machen. Schreiber oder Boten als Mittler im münd-
lichen Austausch können ihre Scharnierposition als
Chance nutzen, um eigene Ziele zu verfolgen, wozu
auch gehören mag, intermediäre Macht aufzubauen.
Kapteine, die ihre Briefe selbst schrieben, ebenso
wie die Empfänger selbst geschriebener Schrift-
stücke waren gegenüber solcherart Fallen gefeit.
Der Schreiber braucht sich um die Korrektheit des
Schreibens keine Gedanken machen, der Empfän-
ger kann eventuell schon an der Handschrift des Ab-
senders erkennen, dass die Botschaft “authentisch”,
also nicht diktiert ist.
Als Vorkehrungen gegen die Unwägbarkeiten
des Boten — sowie vermutlich als machtpolitische
Maßnahme nach Innen und nach Außen — wandel-
te sich mit dem Gehalt der Botschaft der Status des
Botschaftsträgers. Zwar schienen auch wichtige
Mitteilungen einfachen Boten anvertraut worden
zu sein. Die Botschaft selbst aber blieb diesen Bo-
ten äußerlich, sie transportierten sie lediglich wei-
er. Botschaften, die als delikat oder so wichtig gal-
ten, dass sie nicht dem Briefpapier, sondern allein
dem Boten zur mündlichen Übermittlung anvertraut
wurden, lassen sich ihrem Inhalt nach nicht mehr er-
schließen, wohl aber in der Form ihrer Weitergabe.
Sie wurden von Botschaftsträgern von hohem Rang
äberbracht, die in das Geschehen, auf das sich die
Mitteilung bezog, eingebunden waren. Solche Nach-
richten waren verkörperte Botschaften. Der Bote
vertrat einen Abwesenden, wobei ununterscheidbar
wurde, dass der Abwesende dem Boten seine Stim-
me verlieh ebenso wie der Bote seine Stimme dem
Abwesenden lieh. Im Ergebnis war in solchem Bo-
ten der Abwesende physisch indirekt gegenwärtig.
Botengänge in wichtigen Angelegenheiten wur-
den üblicherweise? engen Vertrauten des kapteins
aus dem innersten Kern seines komandos anvertraut.
Weil sich Mündlichkeit weitgehend der Kontrolle
antzieht (Trotha 1994: 382), muss sich der Produ-
zent der Nachricht der Loyalität seines Boten ge-
wiss sein. So bedienten sich kapiteine verbündeter
Kollegen oder der Missionare, die, wie auch an-
dernorts, häufig zugleich als Intermediäre fungier-
(en. Mündlichkeit und Schriftlichkeit überschnit-
ten sich, wenn der Bote einen Brief zu übermitteln
und um eine mündliche Nachricht zu ergänzen hatte
oder der Brief letztlich nur das autorisierte Zeichen
für die eigentliche, die mündlich zu überbringende
Nachricht war.
23 Es gab allerdings auch einen Alltagspragmatismus, der ein-
schloss, dass sogar wichtige Briefe und Botschaften unerfah-
renen “Knaben” anvertraut wurden; s. Vollmer (NAN 1858:
96 f.).
In einer Gesellschaft, die in hohem Maße mobil
war, hingen Botendienste von der Verfügbarkeit und
Disponibilität derer ab, die gerade vor Ort anwesend
waren, Gelegenheitsdienste leisteten durchziehen-
de lokale Reisende, Händler, Forscher, Missionare,
die die Post mitnahmen. Auch dieser Botendienst
beruhte auf personalen, wenngleich eher flüchtigen
Beziehungen. Es waren Durchreisende, denen Ver-
lässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit für den erbe-
tenen Brieftransport zugesprochen wurde. In der
Kriegs- und Friedensdiplomatie hatten die Boten je-
doch einen Status, der in der deutschsprachigen Be-
grifflichkeit dem von “Gesandten” gleichkam. Sie
traten nicht selten in Delegationen auf. Ihre nume-
tische Präsenz unterstrich die Wichtigkeit der trans-
ferierten Botschaft und ließ die Übergabe selbst zu
sinem sozialen Ereignis werden.
Briefboten lebten gefährlich.?® Boten konnten auf
ihrem Weg von Wildtieren angefallen, schlimms-
tenfalls von Löwen gerissen werden. Regennässe
konnte die Schriftstücke zerstören (Galton 1980:
141) und die Briefträger dem Unwillen ihrer Auf-
traggeber aussetzen. Transportierten die Boten
Post über den Grenzfluss Oranje, bestand bei star-
ker Strömung die Gefahr, dass Transportgut und
Mensch fortgerissen wurden.
Häufiger aber drohte den Briefboten, dass sie,
in politischen Krisen- oder Kriegszeiten unterwegs,
abgepasst wurden. Günstig erwies sich für solch ge-
walttätigen Eingriff, dass Boten sich üblicherweise
ausweisen mussten, ob öffentlich oder im Gehei-
men — was bekannterweise zu einer risikoreichen
Unternehmung von Spionen oder anderen “Spie-
‚ern” mit falschen Identitäten werden konnte. Für
die Nama/Oorlam Boten war vorgesehen, sich des
Huts oder Stocks des Auftraggebers als Identitäts-
ausweise zu bedienen (Budack 1972: 312). Für den
Transport von Schriftstücken waren solche Ver-
weisobjekte nicht mehr vonnöten. Zunächst noch
in einen gespaltenen Botenstock geklemmt, begann
man mit steigendem Transportvolumen, die Brie-
fe und Dokumente in Fell- und Ledertaschen auf-
zubewahren — mit der Folge, dass, gleichgültig auf
welche Weise der Bote ausgewiesen war, nicht nur
der Brief, sondern der Transportbehälter selbst den
Boten optisch erkenntlich machte und ihn in unru-
24 Vor allem die Missionare bedienten sich solcher Dienste. Die
“kostspielige Briefbeförderung” kam für sie nur “sehr selten
.„.. in Frage” (RMG 1867: 99). Häufig musste der Auftrag-
geber den professionellen Boten das Reittier stellen und sie
dann noch entlohnen.
Boten galten laut Budack den Khoi-Khoi als unantastbar,
ılcht jedoch den San. Zogen sie durch deren Gebiet, sollen
die Boten immer zu mehreren unterwegs gewesen sein (Bu-
Jack 1972: 312).
Anthropos 109.2014