Die Gemeinschaftswohnung der XIRIANA am Rio Toototobi
(Beitrag zur Kenntnis der Yanomami-Indianer in Brasilien‘)
Von
René Fuerst, Genf
Mit 19 Abbildungen
Yanomami, beziehungsweise Yanonami oder Yanoama, die ,Stimme des
Hauses", wie Schuster (1958) diesen Begriff übersetzt haben móchte, ist die
Selbstbezeichnung zahlreicher, zum Teil noch unbekannter Stámme und Stam-
mesgruppen zwischen dem Rio Negro und Rio Branco einerseits, dem Rio
Orinoco andererseits, im Grenzgebiet von Brasilien und Venezuela.
Die vólkerkundliche Erforschung dieser Indianer, die sich kórperlich,
sprachlich und kulturell kaum voneinander unterscheiden, regte 1911—1912,
im Verlauf seiner berühmten Roroima-Orinoco-Reise, schon Koch-Grünberg an.
Durch seinen frühen Tod 1924 am Rio Branco war es ihm nicht mehr vergónnt,
Forschungen in dieser Richtung durchzuführen. Die Yanomami sind als solche
erst bekannt geworden, nachdem sie 1954—1955 von Zerries (1956) in Südost-
Venezuela und 1955—1956 von Becher (1957) in Nordwest-Brasilien unter-
sucht worden sind. Die weitgehende Übereinstimmung zwischen den von
diesen Forschern besuchten Indianern erlaubte von einem einheitlichen
groBen Volke beidseitig der Serra Parima zu sprechen, das sich von allen
umwohnenden Stámmen stark unterscheidet. Als ganz besonderes Merkmal
der Yanomami sei hier nur ihre Kleinwüchsigkeit und Hellháutigkeit, wie sie
sonst im Amazonasgebiet lediglich von den Maku zwischen dem Rio Negro
und Rio Yapura bekannt ist, erwähnt.
Zu den Yanomami gehören auch die Indianer vom oberen Rio Demini und
seinen nördlichen Nebenflüssen Toototobi und Mapulau, deren Quellen sich
nahe der brasilianisch-venezolanischen Grenze und des südlichen Orinoco-
Nebenflusses Ugueto befinden. Es handelt sich dabei um die sogenannten
XIRIANA vom mittleren Rio Toototobi und ihre unmittelbaren Nachbarn, die
Pakidari, Parahuri, Hukoteri und Hayoteri, deren Wohnsitze sich am Oberlauf
der Flüsse Araca, Toototobi, Demini und Mapulau feststellen lassen.
Als ich 1962, während der Monate März und April, zu völkerkundlichen
Studien und Sammlungen im Dorf der XIRIANA weilte, war es mir nicht nur
vergónnt, Vertreter aller genannten, untereinander befreundeten Stámme oder
Stammesgruppen kennenzulernen, sondern auch mitzuerleben wie meine Gast-
geber, zusammen mit den Gewehre besitzenden Pakidari, gegen die nördlich
wohnenden, angeblich zahlreichen und feindlichen Xamatari in den Krieg
zogen. Außerdem besuchten sie zur Zeit meines Aufenthalts nicht nur die Para-
huri, sondern auch die Hukoteri, um bei ihnen an einem Gemeinschaftsfest teil-
zunehmen und mit ihnen Tauschhandel zu treiben.
Von einem Stamm der Surara, wie Becher (1960) die von ihm untersuchten
Indianer zwischen dem Rio Araca und Rio Demini benannt haben möchte,
konnte ich allerdings nichts in Erfahrung bringen und es dürfte sich meines
Erachtens um die bereits erwähnten Pakidari handeln. Diese scheinen sich näm-
lich in drei Dorfgemeinschaften zu teilen, deren Wohnsitze sich am oberen Rio
Araca, mittleren Rio Demini und unteren Rio Toototobi befinden. Ich möchte in