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Volltext: Band: Völkerkunde, 2. Band

Die finnischen Stämme Rußlands. 643 
auf Schilderung in diesem Buche erheben könnten, wenn sie in ihren Sitten 
und Anschauungen eine wesentliche Verschiedenheit von ihren asiatischen Nach— 
barn zeigten. Es sind dies zum Teil versprengte, zum Teil schon von 
fremdem Volkstume umflutete Glieder der mongolischen und türkischen Völker— 
sippen, die hier meist noch ein in ethnischem Sinne kümmerliches Dasein 
fristen und von der fortschreitenden Kulturbewegung wie von dem unauf— 
haltsam sich vollziehenden Amalgamierungsprozeß auf den Aussterbeetat gesetzt 
find. Gleichwie die nordische Tundra sich diesseits des niedrigen Uralgebirges 
erstreckt, zieht auch im nördlichen Rußland der Samoiede auf seinem Rentier— 
schlitten umher, westlich bis an den Tscheß⸗ 
kajabusen des Eismeeres, einerseits über 
das Weiße Meer hinweg den Lappen 
auf der großen Halbinsel Kola, anderer⸗ 
seits im Süden an den Ufern der mäch⸗ 
tigen Petschora den vorgeschobensten Posten 
der Syrjänen die Hand reichend. Sicher— 
lich hatte dermaleinst den ganzen Nord⸗ 
osten Europas die weitverzweigte Familie 
der Finnen inne, welche 
gegenwärtig noch in ihren 
einzelnen Gliedern über einen 
weiten Raum verbreitet er— 
scheint. Denn zu dem fin⸗ 
nischen Völkerzweige, der 
gleich den Samojeden zur 
großen Gruppe der Uralier 
zählt, gehören sowohl die 
Ugren und Bulgaren als 
die Permier und Finnen 
im engeren Sinne. Nur die 
letzteren stellen indes heute 
noch, und zwar hauptsächlich 
in dem nach ihnen benannten Großfürstentum Finnland, ein kompaktes Volks— 
tum dar; die übrigen erscheinen in unglaublicher Weise zersplittert. Von den 
Ugren hausen bloß noch 7000 Wogulen im nördlichen Ural, im mittleren 
und südlichen Ural die zahlreicheren Baschkiren (800 000 Köpfe), nebst den 
Meschtscherjäken und Teptjären, die zusammen wohl an 200000 Köpfe 
zählen. Nicht in zusammenhängenden Massen, sondern in mehr oder minder 
starken Fragmenten sitzen diese Stämm dicht neben anderen inmitten des sie 
umgebenden und allmählich verschlingenden Russentums, in Kultur oft noch 
tief unter diesem, aber ihm doch sichtbar nachstrebend. Nur ein Zweig der 
Ugren, die Magyaren, welcher in dem fernen karpathenumflochtenen Becken der 
Donau und Theiß eine neue Heimat gefunden, ist in demselben zu dem Range 
sider Nation mit den meisten Merkmalen eines Kulturvolkes emporgestiegen. In 
Musizierender Bulgare.
	        
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