Digitalisate

Hier finden Sie digitalisierte Ausgaben ethnologischer Zeitschriften und Monografien. Informationen zum Digitalisierungsprojekt finden Sie [hier].

Suchen in

Volltext: Zeitschrift für Ethnologie, 46.1914

Diskussion. 
437 
förmigen Fäustel. Wo ist in Deutschland ein so gut entwickeltes Ren- 
tier-Moustérien, wie in Le Moustier; wo die Abri Audit-Kultur, die zum 
Aurignacien hinüber führt; wo die Chatelperronspitze des Unteren, die 
doppelt eingeschniirten Klingen des Mittleren, die zahlreichen Gravette- 
und Font Robertspitzen des Oberen Aurignacien? Wo sind in Deutsch- 
land die Kerbspitzen, die Weidenblatt- und die herrlichen Lorbeerblatt- 
spitzen des französischen Solutreens? Wo ist die wundervolle Kunst- 
entwicklung des französischen Jungpaläolithikums, die ihresgleichen bei 
uns nicht hat? Gewiß haben wir alle Kulturperioden (mit Ausnahme des 
Chelleen) und haben auch Kunsterzeugnisse, aber wir haben sie nirgends 
in der Schönheit und Vielfältigkeit, wie in Frankreich. 
Herr Schuchhardt glaubt, meine Ansichten durch die erstaunliche 
Übereinstimmung der Aurignacien-Skulpturen von Laussel und Willen- 
dorf von vornherein tot zu machen.  Gewifi ist die Übereinstimmung 
dieser Skulpturen sehr groß; wenn man aber bedenkt, daß die Venus von 
Willendorf die einzige rechtsrheinische Steinskulptur ist, während diese 
in Frankreich keineswegs selten sind, dann liegt der Gedanke sehr nahe, 
daß die Willendorfer Figur aus einem französischen Atelier stammt 
und durch Wanderung oder Handel nach Österreich gekommen ist. Ich 
erinnere dabei an den ähnlichen, oben ausgeführten Fall der Keßlerloch- 
leute, die Muscheln aus dem Mainzer Tertiärbecken als Schmuck be- 
saßen. Ehe nicht bewiesen wird, daß die Venus von Willendorf, in 
Österreich angefertigt ist, was z. B. durch die petrographische Unter- 
suchung des Gesteinsmaterials môglich wäre, kann sie auch nicht als ein 
Beweis für die völlige Übereinstimmung der Kulturen gelten, Und selbst 
dann kann sie allein die vorhin aufgeführten Unterschiede der Gesamt- 
formenkreise nicht widerlegen. 
Was nun endlich das Tatsáchliche der von mir angeblich ,plótzlich 
vorgebrachten Idee* betrifft, daf die Moustérien- und Aurignacienformen 
in Deutschland dem franzósischen Moustérien und Aurignacien zeitlich 
nieht zu entsprechen brauchten, so habe ich diesen Schluß nur als die 
notwendige logische Folgerung der neueren prühistorischen. Arbeiten hin- 
gestellt, um auf das Verkehrte der práühistorischen Methode aufmerksam 
zu machen. Wenn Obermaier-Jacob ein Moustérien, das in Frank- 
reich in den Anfang der letzten Eiszeit gesetzt wird, aus einem deutschen 
Flufikies beschreiben, dessen Entstehung in das erste Interglazial fällt, 
dann müssen eben die Kulturen zeitlich verschieden sein, oder die prä- 
historische Untersuchungsmethode ist falsch. Und daß sie falsch ist, das 
habe ich in meinem Vortrage ausführlich bewiesen; dahingegen habe ich 
in meinen sämtlichen Publikationen die zeitliche Übereinstimmung der 
Diluvialkulturen im großen und ganzen stets betont. Andererseits aber 
bin ich überzeugt, daß innerhalb der grofen Diluvialabschnitte im 
einzelnen kulturelle Unterschiede bestanden haben. Werkzeuge, die in 
Frankreich zur höchsten Vollendung entwickelt sind (Faustkeile, Lorbeer- 
blattspitzen), fehlen in Deutschland gänzlich oder sind sehr spärlich, dafür 
können andere Formen, die dort nur nebensächlich sind, bei uns für den 
Charakter der Kultur bestimmend werden. Es ist doch immerhin auf-
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.