Diskussion.
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förmigen Fäustel. Wo ist in Deutschland ein so gut entwickeltes Ren-
tier-Moustérien, wie in Le Moustier; wo die Abri Audit-Kultur, die zum
Aurignacien hinüber führt; wo die Chatelperronspitze des Unteren, die
doppelt eingeschniirten Klingen des Mittleren, die zahlreichen Gravette-
und Font Robertspitzen des Oberen Aurignacien? Wo sind in Deutsch-
land die Kerbspitzen, die Weidenblatt- und die herrlichen Lorbeerblatt-
spitzen des französischen Solutreens? Wo ist die wundervolle Kunst-
entwicklung des französischen Jungpaläolithikums, die ihresgleichen bei
uns nicht hat? Gewiß haben wir alle Kulturperioden (mit Ausnahme des
Chelleen) und haben auch Kunsterzeugnisse, aber wir haben sie nirgends
in der Schönheit und Vielfältigkeit, wie in Frankreich.
Herr Schuchhardt glaubt, meine Ansichten durch die erstaunliche
Übereinstimmung der Aurignacien-Skulpturen von Laussel und Willen-
dorf von vornherein tot zu machen. Gewifi ist die Übereinstimmung
dieser Skulpturen sehr groß; wenn man aber bedenkt, daß die Venus von
Willendorf die einzige rechtsrheinische Steinskulptur ist, während diese
in Frankreich keineswegs selten sind, dann liegt der Gedanke sehr nahe,
daß die Willendorfer Figur aus einem französischen Atelier stammt
und durch Wanderung oder Handel nach Österreich gekommen ist. Ich
erinnere dabei an den ähnlichen, oben ausgeführten Fall der Keßlerloch-
leute, die Muscheln aus dem Mainzer Tertiärbecken als Schmuck be-
saßen. Ehe nicht bewiesen wird, daß die Venus von Willendorf, in
Österreich angefertigt ist, was z. B. durch die petrographische Unter-
suchung des Gesteinsmaterials môglich wäre, kann sie auch nicht als ein
Beweis für die völlige Übereinstimmung der Kulturen gelten, Und selbst
dann kann sie allein die vorhin aufgeführten Unterschiede der Gesamt-
formenkreise nicht widerlegen.
Was nun endlich das Tatsáchliche der von mir angeblich ,plótzlich
vorgebrachten Idee* betrifft, daf die Moustérien- und Aurignacienformen
in Deutschland dem franzósischen Moustérien und Aurignacien zeitlich
nieht zu entsprechen brauchten, so habe ich diesen Schluß nur als die
notwendige logische Folgerung der neueren prühistorischen. Arbeiten hin-
gestellt, um auf das Verkehrte der práühistorischen Methode aufmerksam
zu machen. Wenn Obermaier-Jacob ein Moustérien, das in Frank-
reich in den Anfang der letzten Eiszeit gesetzt wird, aus einem deutschen
Flufikies beschreiben, dessen Entstehung in das erste Interglazial fällt,
dann müssen eben die Kulturen zeitlich verschieden sein, oder die prä-
historische Untersuchungsmethode ist falsch. Und daß sie falsch ist, das
habe ich in meinem Vortrage ausführlich bewiesen; dahingegen habe ich
in meinen sämtlichen Publikationen die zeitliche Übereinstimmung der
Diluvialkulturen im großen und ganzen stets betont. Andererseits aber
bin ich überzeugt, daß innerhalb der grofen Diluvialabschnitte im
einzelnen kulturelle Unterschiede bestanden haben. Werkzeuge, die in
Frankreich zur höchsten Vollendung entwickelt sind (Faustkeile, Lorbeer-
blattspitzen), fehlen in Deutschland gänzlich oder sind sehr spärlich, dafür
können andere Formen, die dort nur nebensächlich sind, bei uns für den
Charakter der Kultur bestimmend werden. Es ist doch immerhin auf-