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In den letzten Jahren hat Oberammergau oft den Vor⸗
wurf des Spekulantentums erhalten. Diese Anschuldigung ist
ungerecht. Verstöße einzelner kommen überall vor, deshalb
aber eine ganze Gemeinde in Bausch und Bogen zu ver—
dammen, verstößt gegen die Gerechtigkeit. Gewiß sind die
Preise aller Lebensmittel im Passionsjahre hoch; billig ist es
in Oberammergau auch sonst nicht. Das Tal bietet nichts:
es muß alles zumeist aus der Umgebung und besonders auch
aus München bezogen werden. Wo große Menschenmassen
zusammenströmen, ist es überall teuer, selbst in der Großstadt.
Auf der Weltausstellung in St. Louis (1904) kostete ein Hotel⸗
zimmer im 6. Stock 10 Dollar — 42 M.; und selbst in dem im Aus—
stellungsraume errichteten Inside Inn, welches 4000 Zimmer hatte,
schwankte der Zimmerpreis von 128 Dollar pro Tag.
Wenn es in Oberammergau teuer ist, wird dieses vor⸗
zugsweise durch jene Pächter veranlaßt, die den Einheimischen
große Summen versprechen und sich dann an den Fremden
schadlos halten. Auch einzelne Reisebureaus, Cool und Union
ausgenommen, welche nur eine Einschreibgebühr von 3M.
erheben, sind an diesen Zuständen schuld. Die Oberammer—
gauer haben ohne Zweifel den geringeren Nutzen. Da der
sommerliche Fremdenverkehr nur in mäßigen Grenzen sich
bewegt, stehen die angeschafften Einrichtungsgegenstände oft
9 Jahre fast unbenützt; die Vorbereitungen und häauslichen
Anschaffungen aber verschlingen hohe Summen. Die Sachen
müssen aber doch bezahlt werden. Vielfach wird auch die
Unbeholfenheit der einfachen Leute von fremden Geschäfts—
vertretern schmählich mißbraucht und ihnen Waren, Lebens⸗
mittel, Wein u. dgl. in solchen Mengen aufgeschwätzt, daß sie
dieselben ihr Lebtag nicht aufbrauchen können und hinterher
um eine geringfügige Summe zu verkaufen gezwungen sind,
um wenigstens nicht das Ganze zu verlieren. Im Vorjahre
vor den Spielen wimmelt es förmlich von fremden Geschäfts—
reisenden. Den größten Nutzen hat eigentlich die Umgebung,