Sitzung vom 90. Juli 1929. 219
Die Erscheinung der Haarfarbe wird eben dadurch, daf) die Bestand-
teile des Haares stark lichtbrechend sind, erheblich beeinfluftt, und man
muB, wenn man feine Nuancen unterscheiden will, sehr vorsichtig sein.
Ich móchte diese Gelegenheit benutzen, um auch über das ,,Blau-
schwarz des Haares, welches nicht nur in Romanen, sondern auch in
der Wissenschaft vorkommt, z. B. in dem eben erwáhnten Haaratlas
(vgl. S. 18. — Waldeyer war rotblind), eine Bemerkung machen: Dlau-
schwarze Haare gibt es nicht; es gibt aber zwei Umstände, durch welche
die Illusion von Blau hervorgerufen werden kann: Reflex und Kontrast.
Ich erinnere mich noch, daß, als ich einmal vor 40 Jahren die Königgrätzer
Straße an einem heißen Sommertag bei strahlender Sonne und tiefblauem
Himmel entlang ging, mir das schwarze glatt anliegende Haar einer mir
entgegenkommenden Frau den Eindruck von blauschwarz machte. In
demselben Augenblick war mir aber auch klar, daß dieses Blau ein Reflex
des blauen Himmels war. Dasselbe Haar würde, Abends bei Kerzenlicht
gesehen, einen rotschwarzen Eindruck gemacht haben. Blau als Kontrast-
erscheinung entsteht gerade dann, wenn das Haar einen Stich ins Braune
hat. Dann empfindet man dieses Braun in den mehr beschatteten Partien
des Haares, ohne sich dessen bewuf)t zu werden, in den daneben liegenden,
stárker reflektierenden Partien, wo das Braun durch das Reflektieren gar
nicht zur Geltung gelangt, wird die Kontrastfarbe empfunden.
Die mikroskopische Untersuchung weist an diesen Haaren noch
folgende Merkmale nach: das einzelne Haar läuft unter allmählicher
Verdünnung spitz aus; das Ende desselben ist vóllig farblos; die Cutikula
ist verhältnismäßig dick, und ihre Schüppchen sind bei der Untersuchung
in Wasser deutlich zu erkennen.
Bei der Verwertung dieser Angaben darf man nicht vergessen, daß
es sich nicht um frisch dem Lebenden entnommene Haare handelt, sondern
daß zwei Umstände auf die Haare eingewirkt haben, die möglicherweise
die Farbe verändert haben können: die Behandlung zwecks des Dörrens
und die Zeit, die seit dem Tode vergangen ist.
Flaumhaare. Der Flaum macht sich bemerkbar in Gestalt überaus
feiner kurzer Härchen, die aber durch den erwähnten wachsartigen Uber-
zug angeklebt sind, der Hautoberfläche flach anliegen. Sie sind im ganzen
Gesicht und auch am Nacken ausgebreitet, aber an Stirn und Wangen
durch das Angreifen verlorengegangen. Besonders dicht sind sie in der
Parotisgegend, am kräftigsten, wenn auch nicht am reichlichsten am late-
ralen Abschnitt der Oberlippe. Hier haben auch die Härchen eine schwache
Färbung: einen blassen Ton von Rotbraun. Die Unterlippe ist bis an
das Lippenrot heran beflaumt; hier stehen die Härchen senkrecht ab-
warts, sind kurz und farblos.
Brauenhaare. Die Brauen machen sowohl dureh die Stellung
wie durch die Fárbung ihrer Haare einen befremdlichen Eindruck. Die
von Haaren eingenommene Zone, also die Braue, reicht rechts bis auf
4 mm, links aber nur bis auf 7 mm an die Mittelebene heran. Sie hat die
Breite (in der Richtung von oben nach unten) von 7 mm und reicht hier
bis auf das Lid. Die Haare stehen nicht in der für die Braue charakte-
ristischen Weise, so daB sie im Brauenkopf einen ,, Wirbel'"* und im Brauen-
schweif einen ,,Zopf‘‘ bilden, sondern sie stehen alle parallel zueinander
lateral und abwärts gerichtet. Die Brauenhaare sind auffallend reichlich.
Ihre Farbe ist gelbbraun, an die Farbe von Meerschweinchenhaar erinnernd.
Das einzelne Brauenhaar ist bis zu D mm lang, sehr dünn, im mikro-
skopischen Bilde bráunlich gelb, am Ende zugespitzt, das dünne Ende
auch hier farblos. Mark ist nicht deutlich, die Schiippchenzeichnung
bei der Untersuchung in Wasser sehr deutlich.