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UTE MOHRMANN
Bezirkskabinett für Kulturarbeit Magdeburg (Ltg. Günter Pilling und Wolfgang Speer,
VBK - DDR):
I. Kindheit und Jugendzeit
1.1. Kindheit (5-14 Jahre)
In idyllischen Kleinstädten und in Breslau, Haupstadt des damaligen Schlesiens, gelebt.
Schmale Straßen, in der Architektur Renaissance, süddeutscher Barock, Zentren mit
Laubengängen, alte Kirchen und Burgen, bäuerliche Märkte, dazu eine Landschaft mit
Bergen, Wald, kleinen Flüssen, Teichen waren die Umgegend, die Phantasie anregte
und Möglichkeiten der Umsetzung im Spiel bot.
Das Elternhaus war kleinbürgerlich, Herkunft des Vaters: Bergarbeiterfamilie aus
Oberschlesien, bei den Vorfahren Polen, Slowaken, Beruf Destillateur. Mutter: Herkunft
bäuerliche Kreise aus Mecklenburg/Braunschweig und forstwirtschaftliche aus dem Harz.
Alle musischen Einflüsse kamen von der Mutter. Märchen und Geschichten erzählen, Lie
der singen regten die Phantasie an, führten früh zum Buch, zur Musik. Ich erhielt durch
die Mutter sehr viel Freiraum zum Spiel. Wenig Autoritäres seitens des Elternhauses be
stimmte meine Kindheit. Hauptinteresse in der Schule galt Geschichte, Zeichnen, Musik,
im Deutschfach Aufsätzen. Lehrer beeinflußten meine musische Art nur zeitweise. Ich
zeichnete mit der Mutter in spielerischer Art oder aus eigenem Antrieb.
Das Spiel erfolgte mit Freunden. Es wurden Lese- und Lernstoffe, Geschichten und
Märchen im Spiel und bei der Anfertigung von Spielzeugen oder Spielausstattungen um
gesetzt. Starke Disziplin und Administration lösten in mir Widerstand aus. Im Rück
blick empfinde ich meine Kindheit als eine glückhafte, ungebundene, erlebnisreiche lange
Zeit. Immer wieder zieht es mich noch heute dahin zurück. Alle soziale Not, die damals
vorhanden war, gerät darüber in den Hintergrund.
1.2. Jugendzeit (15-21 Jahre)
Zwei Jahre Landjahr der Hitlerjugend. Neben Arbeit und Sport singen, tanzen, musi
zieren. Ein halbes Jahr Reichsarbeitsdienst, Straßenbau, Befestigungsbau an der polni
schen Grenze. 5 Jahre Soldat, Polen, Frankreich, UdSSR. Die Unterordnung fiel mir oft
schwer. Zu all dieser Zeit wirkte trotzdem die früh gelegte Basis in mir: Ich schrieb
Tagebuch, Briefe, zeichnete Kunstpostkarten, besuchte historische Bauten und Sehens
würdigkeiten, las in der Freizeit Rilke, Goethe, Homer (Reclamausgaben). Viele Erleb
nisse dieser vergangenen Zeit wirken noch heute, wenn ich auch einen gänzlich anderen
Stand erreicht habe, sehr intensiv auf mich ein. So erlebe ich heute, beim Lesen einer
Reisebeschreibung über Paris, im Nachhinein, verbunden mit der Erinnerung, ungemein
intensiv. Diese Zeit endet mit dem Kennenlernen meiner Frau und der Umsiedlung
aus Breslau.
Ergänzen muß ich noch, daß meine Mutter versuchte, mich mit 16 Jahren auf der Hoch
schule für Grafik in Breslau unterzubringen. Das Vorhaben scheiterte im Ansatz. Kein
Abitur, zu jung. Es gab auch keinerlei Kontakt zu künstlerisch Tätigen, die Rat hätten
geben können.
II. Arbeit und Beruf
Das Verlassen meiner Heimat, ich wohnte ab meinem 13. Lebensjahr in Breslau, einet
Stadt, mit der ich noch heute auf das Innigste verbunden bin. Zusammen mit großer
sozialer Not, Mutter starb 1945, ich war mit meiner jungen Frau und drei Schwestern
(5, 10, 14 Jahre) allein in einem kleinen Dorf, hatte keinen Beruf gelernt, ließ über
einen längeren Zeitraum gestalterische Tätigkeiten nur in geringem Umfang möglich
werden. Was blieb, war Lesen, Gespräche, Musik hören, ein paar kleine Skizzen, Schnit