nachts unterwegs und fallen so leichter der rauen See oder den scharfen Ko-
rallenriffen zum Opfer, die Mayotte umgeben (Muenger 2011, 46). Diese kom-
plexe postkoloniale Situation, die selbst Teil größerer politischer Prozesse, wie
der Formierung eines europäischen Grenzregimes ist (Tsianos/Karakayali 2010),
versucht A Tale of Two Islands zu vermessen. Ich möchte im Folgenden meine
Arbeitsweise beschreiben, bevor ich die Möglichkeiten der Videoinstallation als
Form der Repräsentation diskutiere.
Zur filmischen Feldforschung
in einer frühen Phase unserer Feldforschung fanden meine Kamerafrau Paola
Calvo und ich zwei Orte, die diese komplexe Geschichte konkret erzählten. Das
heißt, nicht nur die postkolonialen Ungleichheiten zwischen beiden Inseln zu
verdeutlichen, sondern auch die alltägliche Realität der illegalisierten Migration
und der französischen Abschiebepolitik. Die Orte machten wir zum Setting der
beiden synchron laufenden Filme aus denen die Installation besteht. Sie befinden
sich im jeweils wichtigsten Hafen der beiden Inseln, in Dzaoudzi, der alten Kolo-
nialbasis auf Mayotte und in Anjouans Hauptstadt Mutsamudu. Der erste Ort ist
ein vergittertes Fenster, das wir im Hafen von Dzaoudzi auf Mayotte entdeckten.
Beinahe jeden Nachmittag versammelten sich hier um die zwei Dutzend
Menschen, die offensichtlich auf Etwas warteten. Wir suchten das Gespräch und
erfuhren, dass sie alle Freunde und Verwandte von Comoriens waren, die nach
Anjouan abgeschoben werden sollten. Noch während wir in ein Gespräch ver-
tieft waren, erschien ein alter französischer Stadtbus auf der Szenerie, begleitet
von Polizeifahrzeugen. Mit seiner Ankunft kam plötzlich Leben in die Gruppe
der Wartenden. Uns wurde gesagt, dass dies der Bus sei, der die Abzuschieben-
den aus dem Lager in Pamandzi zur Fähre bringt. Einige der Wartenden riefen
aınd winkten um die Aufmerksamkeit ihrer Verwandten zu wecken, während an-
dere durch die Fenstergitter mit den einheimischen Mitgliedern der Bootscrew
verhandelten, damit diese den Passagier_inn_en Briefe oder Geldscheine zu-
kommen ließen. Durch ihre Verwandten hörten wir die Geschichten der Abge-
schobenen. Viele arbeiteten seit Jahren auf der Insel als Tagelöhner_innen auf
den Feldern oder als Handwerker_innen, alles Jobs, die die Angehörigen von
Mayottes Mittelklasse nur noch ungern annehmen. Einige wurden Opfer der
wegen ihrer Brutalität berüchtigten Razzien der französischen Polizei, während
andere schon auf hoher See gestellt wurden. Oftmals war es bereits die zweite
oder gar dritte Abschiebung von Mayotte. Als wir an anderen Tagen an diesen
Ort zurückkehrten, fanden wir das vergitterte Fenster offen vor. Nun diente es
als Ticketschalter und Gepäckannahme für die Maria Galanta, die einzige regel-
mäßig verkehrende Fähre zwischen Mayotte und Anjouan. Vor allem Mahorais
(Bewohner von Mayotte), transportierten riesige Mengen Gepäck: TV-Geräte,
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