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Full Text : Kunst und Ethnographie

Cecile Cuny

Alle Porträts wurden mit einer Plattenkamera
 aufgenommen. Ich habe diesen
Fotoapparat aus drei Gründen ausgewählt.
Zuerst kann er als ein Zeichen für Professionalität
 dienen. Denn mit einem solchen
Apparat unterscheide ich mich von der allgemeinen
 Praxis, die sich stark durch die
sogenannte „Demokratisierung“ der Fotografie
 ausgeweitet hat. Meines Erachtens
 trägt dieser Apparat auch dazu bei,
eine alte Funktion der Fotografie wieder
zu beleben. Damit soll an eine historische
Erfahrung vom Ende des 19. Jahrhunderts
angeknüpft werden, wo die fotografische
Praxis als eine Art Straßenspektakel betrachtet
 wurde, denn das, was unter dem
Vorhang passierte, war für den Mann auf
der Straße oder den Laien wunderbar.? Jene
beiden Eigenschaften haben es ermöglicht,
dass die Leute, die ich fotografiert habe,
die Aufnahme als eine „Anerkennung“ betrachtet
 haben.*

Plattenkamera

Seit den 1970er Jahren haben sich die
soziokulturellen Bedingungen der beruflichen
 Praxis der Dokumentarfotografie
stark verändert. Die Reportage, deren Modell
 das Werk von Henri-Cartier Bresson
in Frankreich war, ist seit dem Vietnam-Krieg
 und der Entwicklung des Fernsehens
in eine Krise geraten. Diese zeigt sich zum
Beispiel in der Entwicklung des Paparazzo,
der die Werte (Nähe zum Objekt, Humanismus,
 Informationskult) und den Mythos
 des Fotoreporters im Kontext einer
Neuausrichtung der Presseagenturen und
des Marktes in Frage gestellt hat.? Dies
hat zum Beispiel bei prominenten Fotografen
 wie Raymond Depardon oder Gilles
Saussier in Frankreich zu einer kritischen
Betrachtung ihrer eigenen Karrieren und
fotografischen Praxis geführt. Solche Fotografen
 sind heute Befürworter einer „alcernativen
 Dokumentarfotografie“, die ich
während meiner Ausbildung erlernt habe.“
Diese neue Art der Dokumentarfotografie
 ist von zwei Elementen gekennzeichnet.
Einerseits wird nicht mehr daran geglaubt,
dass die Fotografie fähig ist, die Welt, wie
sie ist, zu reproduzieren. Man behauptet
eher, die Welt indirekt und durch die Subjektivität
 des Fotografen zu zeigen. Dies
heißt also, dass die Fotografie nicht mehr
als Reproduktion der Welt, sondern als
ihre Inszenierung verstanden wird. Man
behauptet aber auch, dass diese „Inszenierungen“
 mehr über die Welt zu sagen haben
 als die ehemaligen Reproduktionen.
Andererseits werden die Personen, die man
fotografiert, nicht mehr als „Objekte“ des
Bilds sondern als „Subjekte“, das heißt, als
Koautoren des Bildes betrachtet. In dieser
Hinsicht wird das Bild als eine gemeinsame
Konstruktion des Fotografen und der porträtierten
 Person verstanden — und man
sollte noch den Zuschauer dazu zählen.
            
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