Judith Elisabeth Weiss
Schwarz ist bei Bennet entgegen der
modernen Farbtheorie keine monochrome
Farbe, die eine Totalität bildet, sondern
sie unterliegt Schattierungen — Hauttönungen.
Es sind die feinen Nuancierungen,
die unmerklichen Übergänge des
Eigenen ins Andere, die Nahtlinien, die
sich innerhalb kultureller Diskurse öffnen
oder schließen, die Bennett zur Positionierung
und nicht zur Essentialisierung
zwingen. Das Werk erinnert an die Aktion
des spanischen Künstlers Santiago Sierra,
der 2002 dreißig Arbeitern ihren normalen
Tageslohn zahlt, damit sie sich alle in
Unterwäsche nebeneinander mit dem Gesicht
zur Wand stellten, um sich daraufhin
nach der Schattierung ihrer Haut, in
Nuancen eben, von dunkel nach hell zu
sortieren. Mit der Fixiertheit auf Hellhäutigkeit,
wird die dunkle Haut als Ursache
und manifester Ort des Andersseins bestimmt.
Das Bild der transformierenden
Häutung markiert hingegen eine colour
line, die nicht eindeutig fixierbar ist und
die die paradigmatische Opposition von
„schwarz“ und „weiß“ aufhebt. 1990 beginnt
sich Bennett verstärkt auf Jackson
Pollock zu beziehen und fertigt Gemälde
im typischen Drip-painting-Stil an. In einer
kritischen Reflexion des Begriffs Primitivismus,
der Pollock mit seinem Interesse
an der Sandmalerei der Navajos als
Schamane unserer Zeit“ charakterisiert.®
interessiert sich Bennett vor allem für den
Mythos des weißen Künstlers, der mit der
Inkorporation der Kunst der natives eine
vefreiende und revitalisierende Wirkung
srfährt. Bennett beginnt bei einem Frankreichaufenthalt
1991 seine Gemäldeserie
welt, in der er ein Bild im Dripping-Stil mit
Schwarz übermalt. Die dabei entstehende
Oberfläche erinnert ihn stark an die Illustration
eines skarifizierten Rückens eines
afrikanischen Sklaven, die er in einem Buch
äber die Repräsentation der Schwarzen im
19, Jahrhundert entdeckt hatte. Er bedient
sich der konventionellen europäischen Assoziationen
von „Schwarzheit“, die Konnotationen
von weiß/schwarz, zivilisiert/
wild, eigenes/anderes mittransportieren.
[ntention Bennetts in diesem Werk ist, die
Schwarzen als Opfer zu porträtieren, oder
vielmehr, „das Opfer zu spielen“, wie er
selbst, auf den performativen Charakter
von Ethnizität hinweisend, formuliert.’
Bennett sieht sein Werk selbst als Darstellung
eines Schmerzes, der bis zur Selbstverstümmelung
gehen kann. Die ritualisierte
Zurschaustellung von Trauer und
Kummer bei Bestattungszeremonien der
Aborigines, die Blutvergießen und Zufügen
von Schnittwunden beinhalten kann,
Lucio Fontanas zerschnittene Leinwände
als einen Akt der Gewalt gegen das Bild
und die zeremonielle Skarifizierung bei Initiationsriten
als Übergang zu einer neuen
Gordon Bennett, Untitled (Nuance), 1992, Privatsammlung Brisbane, (V G Bild, Bonn)
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