Die Ausstellung als Inkubator
Über Kunst und Ethnographie
Michael Guggenheim, Bernd Kräftner und Judith Kröll
Kunst und Ethnographie gemeinsam zu praktizieren
und zu produzieren hat eine lange
Tradition, nicht zuletzt eine der Ignoranz. Sie
ist dann zumeist, was schon ihre Einzelteile
sind: individualistisch. Das Künstlersubjekt
und der Ethnograph in der Südsee — sie sind
obskure Figuren, deren Produkte einem Nebel
der Genialität entspringen. Ausstellungen
jedoch, die sich mit komplexen Gegenständen
heutiger Technowissenschaft und komplexen
Audiovisualisierungen beschäftigen, nehmen
andere Produktionskontexte in Anspruch und
sehen sich gezwungen, andere Gründungsgeschichten
und Mythen zurechtzuschustern.
Zum Beispiel die Inkubation.
Die Inkubation ist ein soziotechnischer
Prozess mit einer Tradition, die bis in die An-:ike
zurückreicht. Inkubation bedeutet die Ver:
schmelzung unterschiedlichster Interaktionen
unter hohem Druck zu einer Befragung der Gesellschaft,
exemplifiziert durch das inkubierte
Objekt, d.h. den „Patienten“ oder „die Ausstellung“.
Im Kontext einer ethnographischen
Ausstellung der gegenwärtigen Wissensgesellschaft
wird das Ausstellungsmachen nun als
[nkubation vorstellbar, und das heißt als ein
Prozess, dessen mystischer Anteil im Sinne eiaer
ethnographischen Selbst-Abklärung nicht
verleugnet, aber gerade deshalb.thematisiert
werden soll..Die Ausstellung selbst ist eine soziotechnische
Vorrichtung, die unter Einspeisung
von Interaktionen und Wissen einer großen
Zahl sehr unterschiedlicher Aktanten‘ unter‘
hohem sozialen und zeitlichen Druck Objekte
und Interaktionen produziert. Damit ist auch
zesagt, was eine solche Ausstellung nicht ist:
Sie ist keine Aussage eines Künstlers/einer Ethnographin.
Die Verneinung betrifft alle Wörter
des Satzes. Keine Aussage, kein Einzelner,
keine reine Künstlerin und kein reiner Ethnozraph.
Ergo auch keine Methoden und Kompetenzen,
die von Disziplinen verteidigt werden
könnten, Die Inkubation im Kontext einer
Ausstellung antwortet nur auf die Anfrage: Ist
las, was inkubiert wurde, eine bessere Befrazung
unserer Gesellschaft als eine konkurrierende
Aus- oder Darstellung?
Die folgende Einführung in die Inkubato-‚ogie
erfolgt dreiteilig und dreispaltig. In der
ersten Spalte findet sich eine kurze Weltgeschichte
der Inkubation als soziotechnische
Vorrichtung. Sie dient dazu, geistes- und technikgeschichtliche
Hintergründe der Inkubasion
besser verstehbar zu machen und sie ist
zugleich eine Einführung in die Theorie der
[nkubation und ihrer einzelnen Elemente. In
den zwei Spalten daneben finden sich zwei
Beispiele für Inkubationen im Kontext einer
Ausstellung. Beide Beispiele liefern erste Skizzen
und Anhaltspunkte, aber auch Schwierigzeiten
von Inkubationen im Kontext von Ausstellungen.
Das erste Beispiel ist das Projekt
Büro für wissenschaftliches Strandgut, Resear--hers
without Borders, ein Projekt mit und über
Wissenschaftler/innen, die als Asylwerber/innen
oder anerkannte Flüchtlinge in Österreich
leben. Zweitens das Projekt Körper-Pflege &
Seel-Sorge: Was ist ein Körper/eine Person?®,
sin ethnographisches Fresko über die Frage
:ransdisziplinärer Entscheidungsfindung im
Rahmen des Wachkoma-Syndroms. Beide Beispiele
waren als Teilprojekte der Ausstellung
die wahr/falsch inc. in Wien im Sommer 2006
zu sehen.? Die Ausstellung bestand aus elf solzher
Module, die alle im Stadtraum, entlang
der U-Bahn Linie 1 verteilt waren. Die Module
waren somit nicht nur den eigentlichen
Ausstellungsbesucher/innen sondern auch
einem zufällig vorbeikommenden Publikum
ausgesetzt.
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