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Volltext: Achte Nachlese von Sagen und Gebräuchen der Grafschaft Mansfeld und deren nächster Umgebung

besonders edles Wild, ein schmuckes, blondlockiges Mägdlein, ein⸗ 
gekreist, dessen Schönheit die Lüsternheit des Riesen rege machte. 
Sofort ergriff er sie und begann sie in zudringlicher Weise zu lieb— 
kosen. Da rief das Mädchen in ihrer Not Gott um Hilfe an und — 
siehe da! — aus wolkenloser Höhe zuckte ein Blitz hernieder und 
tötete den Riesen, dessen erstarrter Arm das betäubte Nädchen selbst 
im Tode noch festhielt. Da kam der Troß der Diener herbei und 
fand seinen Herrn als Leiche, das aus seiner Betäubung wieder— 
erwachte Mädchen aber lebend. Als sie sahen, wie sich die Jungfrau 
aus den erstarrten Händen des Riesen befreite, waren sie der Mei— 
nung, durch sie sei ihr Herr überwunden worden, sie müsse also 
wohl eine Göttin sein; beugten in ehrfurchtsvollem Grauen vor ihr 
Haupt und Knie, begrüßten die Maid als ihre Herrin und führten 
sie als solche nach dem Schlosse, wo sie ihr seitdem treu dienten. 
Der Riese aber wurde an der Stelle, wo er getötet worden war, 
begraben. Noch heute sieht man im Hardisleber Forste den gewal— 
tigen Grabhügel, wohl 50 Schritte lang, der das Riesen- oder 
Hünengrab genannt wird. In diesem schläft der Riese In der 
Walpurgisnacht aber, wenn Buchen und Eichen wieder im Frühlings— 
schmucke prangen, dann erheben seine Hunde ihre Stimme und bellen 
den Riesen wach, der um Mitternacht sein Grab verläßt und unter 
dem Kliff-Klaff seiner Meute in gewohnter Weise auf die Jagd geht. 
5. Die weinende und lachende Kraut 
im Naumburger Dome. 
(Mündlich. Von H. Größler.) 
Im Dome zu Naumburg sieht man zwei weibliche Figuren 
aus Stein gehauen, von denen die eine weint, die andere lacht. 
Das ist eine Erinnerung an die Erbauung des Domes. Ein junger, 
reicher Herr hatte sich nämlich mit einem Fräulein verlobt, verspuͤrte 
aber trotzdem eine unbezwingliche Lust in ferne Lande zu reisen 
und ließ sich durch kein Bitten, Flehen und Weinen seiner Braut 
von seinem Vorhaben abbringen. Während nun der Bräutigam in 
der Ferne weilte, begab sich die verlassene Braut in ein Kloster und 
überwies nicht nur ihre eigenen Güter, sondern auch einen Teil der 
Güter ihres Bräutigams, deren Verwaltung er ihr anvertraut hatte, 
der Geistlichkeit zur Erbauung des Naumburger Domes, ja gelobte 
sich zuletzt selber Christo als Braut. Als nun der Bräutigam nach 
seiner Heimkehr davon Kunde erhielt und betrübt seine ehemalige 
Braut fragte, warum sie das gethan, lachte sie und sagte, sie fei 
nun nicht mehr seine, sondern Gottes Braut, und er solle es sich 
nicht mißfallen lassen, daß sie etwas von seinem Gute zu seiner 
Seelen Seligkeit angewendet habe, denn ihm sei immer noch so viel 
übrig geblieben, daß er standesgemäß davon leben könne. Da ließ 
es der junge Herr bei dem, was geschehen war, bewenden, ja schenkte
	        
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