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Inhalt / Download : Globus, 74.1898

Dr. Hans Schukowitz: Bettlerzinken in den österreichischen Alpenländern. 
3 
CH 
[Kindberg] 
ziehen.“ Freilich stellten auch solche Stände in jener 
Zeit dem landläufigen Vagantentume ein starkes Kon¬ 
tingent, welche heutzutage ihrem erhöhten Berufswert 
entsprechend zum Teil auch eine socialrechtliche Stellung 
einnehmen, ich meine die Gaukler und Musiker, die Ko¬ 
mödianten, Quacksalber, Raritätenhändler, Venediger, 
Soldjünger und die weltfrohen vagi scholares (fahrenden 
Schüler). Es will mir indes beinahe scheinen, als ob 
das Bettelunwesen, dieses „psycho-physische Erbübel 
der Menschheit“, zeitlebens nie völlig ausgetilgt werden 
könne, trotz Landtagsbeschlüssen und schubpolizeilicher 
Anordnungen, trotz der ausgesprochenen Mifsgunst eines 
jeden arbeitsliebenden Individuums. 
Es dürfte weiter nicht uninteressant sein, die geo¬ 
graphische Vei’breitung dieser alpinen Bettlerzinken 
näher zu verfolgen. Sie verraten uns einmal die Haupt¬ 
ziele des Allerweltgastes, nämlich die Verköstigungs¬ 
stätten und Schlafherbergen, zum guten Teile wohl- 
thuende Institute unserer Armenbehörden. Es entgeht 
uns aber hier keineswegs auch die Beob¬ 
achtung, dafs sich unser Bettler mit Vorliebe 
nach Abenteurerart sein Almosen erjagt. Und 
das thut er nicht planlos, wie es ja seine 
Zinken verraten! Er hält sich nämlich auf 
seinen Wanderungen mit Vorliebe an die 
Bezirks- und Landesstrafsen, sicherlich aus 
keinem anderen Grunde, als weil er überzeugt 
ist, hier unter dem Schwarm seelenfroher 
Fuhrleute und ranzentragender Jünger des 
Handwerks unbeanstandet vorwärts zu kom¬ 
men. An einsamen und wegarmen Stätten 
unserer Berge, dort, wo der mäuschenarme 
Keuschler haust, giebt es kaum viel zu holen. 
Der Arme ist ja beim Armen nie gern zu 
Gast. Da trabt er lieber die belebte Hex-renstrafse land¬ 
ein und landaus, die führt ihn über kurz oder lang in 
die Stadt, wo wohlhabende Menschen wohnen und wo 
er Arbeit findet, wenn er sie sucht. Freilich mag es 
da auf einer solchen Bettlerwaxxderung auch Momente 
geben, in denen es ratsam und lohnend ex’scheint, voxn 
Vex-kehrsstrom für eine Spanne Zeit unauffällig abzxx- 
leixken: Da duftet es einnxal gar zu einladend aus einer 
Klostex-küche, ein axxdermal ti'ifft sich eine Schlafstelle, 
so prächtig geschaffen wie nicht bald wieder eine, dann 
überschleicht plötzlich die schuldbewufste Seele Angst 
vor den glitzernden Bajonetten, oder vielleicht ist gar 
ein heimliches Stelldichein mit einem sinnverwandten 
Genossen vereinbart worden u. dergl. m. Kurz, in allen 
diesen Fällen führen uns die erwähnten Wanderzinken 
jäh von der Fahrstrafse ab und tauchen irgendwo ab¬ 
seits in der Eixxöde wieder auf. 
An den Reichs- und Landesgrenzen, dann ixx Gegen¬ 
den, welche von Reisendeix und Sommerfrischlern gern 
aufgesucht werden, im Bannkx’eise ein oder des andern 
Klosters, an Wallfahrtsorten, selbst im Weichbilde der 
Städte können wir manchmal eine auffallende Häufung 
solcher Wanderzinken bemerken, woraus wir also schliefsexx 
düx’fen, dafs diese Örtlichkeiten beliebte Zielpunkte des 
fahi’enden Volkes sein müssen. Ich habe mir auf Gi’und- 
lage meiner Lokalaufzeichnungen einige „Bettleimiarsch- 
routen“ konstx’uiert: 
1. In Steiermark: Von Gröbming im Obei’ennstlxal 
über Pruggern, Assaclx, Aich nach Weifsenbach und auf 
der Bezirksstrafse nach Haus und Schladming, von wo 
eine Abzweigung nach Ramsau erfolgt. 
2. Im Salzkammergut: Von Laufen über Goisern, 
St. Agatha, Lupitsch und Reittern nach Aufsee, ander¬ 
seits ist eine südliche Zugrichtung nach Goisern-Steeg- 
Hallstadt ersichtlich. Fexmer 
3. In Tirol: Von Windisch Matrei im Iselthal auf 
dem Fahrwege über Seblas, Feld, Mattersbex-g, Huben 
ins Defereggenthal, anderseits nach Peischlach, St. 
Johann im Wald und Gwabl. Von St. Johann lenkt 
eine Wanderrichtung nach Göriach ab und führt über 
Schlaiten zur Landesstx-afse nach Ainet und von hier 
südöstlich nach Lessendorf, Drum und Lienz. Endlich 
4. In Kärnten: Von Mauterndorf im Taurachthal 
nach Mühlhausen, Gröbendorf, Pichl, Stranach mit einer 
nordöstlichen Abzweigung nach dem Wallfahrtsorte 
Mariapfarr und von hier über Lintsching und St. Andrä 
nach Wötting, anderseits über Lefsach und Tamsweg 
nach Sauerfeld. 
Es liefsen sich natürlich auf Grund solcher Zinken- 
xxotizen noch viele andere Bettlermarschi’outen zusammen¬ 
stellen. Eine jede hätte was für sich. Auch ein wissen¬ 
schaftlicher Vergleich mit den Haft- und Eskorte¬ 
protokollen der entsprechenden Gerichtssprengel läge 
ziemlich nahe, und ich glaube, es ergäben sich hieraus 
22 [Matrei] 
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[Im Innthal] 
14 
[Vezzano] 
[Um Riva] 
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[Murau] 
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[Walchen] 
[Fiberbrunn] 
[Gröbming] 
—IsKil 
[Mautem] 
21. 
beachtenswerte Winke für den praktischen Gendarmerie- 
und Polizeidienst (Schubbeförderung, Streifung, Bettlei’- 
verbrüderung, Alibierweise etc.). 
Eine II. Gruppe solcher Bettlerzeichen hat ferner 
den Zweck, gesammelte Erfahrungen andern, gleich¬ 
beflissenen Individuen dienstbar zu machen. Wir 
staunen, wie fest und systematisch das Bettlertum be¬ 
sonders in früheren Zeiten gegliedert, man möchte fast 
sagen organisiert gewesen, wie da einer dem andern, 
den er gar nicht kannte, behülflich war. Auf mixfsigen 
Wegen, lautet ein Sprichwoi’t, begegnen sich ja oft die 
besten Freunde. So findet man bei einiger Aufmerk¬ 
samkeit in den österreichischen Alpenländeim die folgen¬ 
den Geheimzeichen an mehr oder minder ersichtlichen 
Stellen angebracht: 
Es sind lauter Anweisungen, „wo gut zu betteln ist“. 
Am häufigsten sieht inan die Fig. 22 bis 26. Ein leerer 
Kreis (seltener ein Dreieck) bedeutet, dafs das Almosen 
in Geld („nedschen“ im Bettlermunde) besteht (Fig. 22). 
Ist der Kreis durchstrichen, so zeigt der an, dafs man 
in dem bezeichneten Hause nicht Geld, sondern Efswaren 
erhält (Fig. 23), während das Andi’easkreuz (Fig. 24) die 
Exffolglosigkeit des Betteins verrät1S). Die Zinken 25 
und 26 melden an, dafs hier offene, d. i. freigebige Hand 
zu finden ist19). Die beistehenden Ziffern geben die 
Häuser bekannt (vergl. auch Fig. 25). Ziemlich alt ist 
der Zinken 27. (Er findet sich schon unter den Mord- 
bi’ennerzeichen des 17. Jahrlx.) Einträgliche Geldspende 
setzt es im ersten und vierten Hause rechts und im 
18) Vergl. auch Grofs, a. a. 0., S. 260. 
in) Im oberen Innthal fand ich einen Bettlerzinken, der 
eine durchlöcherte Hand darstellte. Das erinnert an die Stelle 
bei Walther von der Vogelweide, S. 19, 21, daz küneges 
hende solten düx-kel sin (um Gaben dux-chzulassen). Benecke, 
Mhd. Wörterbuch, Bd. 1, S 406.
	        
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