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Objekt: Anthropos, 81.1986,1/6

Rezensionen 
759 
Verschwägerten, teilen, so daß sich auch in diesem Fall 
eine virtuelle Opposition von Hälften abzeichnet. Anstelle 
nun von einer vorgeblichen Teilung der Lokalgruppen in 
Hälften und der Unterteilung der Hälften in Matrilineages 
auszugehen (letzteres nicht belegt, aber hypothetisch nicht 
auszuschließen wegen der Crow-Terminologie im Ver 
wandtschaftssystem), geht Vienne von der begründeten 
Annahme aus, daß es effektiv die Heiratsallianzen sind, 
die aufgrund des erklärlichen Exogamiegebots zur Hälfte- 
lung führen, und nicht umgekehrt. (Unter den gegebenen 
Umständen bedeutet die Exogamie faktisch die soziale 
und politische Stabilisierung einer zur Dispersion neigen 
den Gruppe.) Es ist also das immer wiederkehrende 
Erfordernis zur Erneuerung von Bündnissen, das mit Hilfe 
von Tausch und Heirat zum Heiratsdualismus führt und 
zur Existenzerhaltung der Gruppen beiträgt. Der Heirats 
dualismus seinerseits kann, wie auf Vanua-lava, über den 
Weg der Verwandtschaftszugehörigkeiten zur Bildung von 
Quasimatrilineages beitragen, die entfernt an Matrimo 
nialklassen, weniger an korporierte Gruppen erinnern 
(284). 
Ich kann hier nicht weiter auf das Pro und Kontra 
dieser Sichtweise eingehen, aber es dürfte schon klar 
geworden sein, daß Vienne mit dieser im ersten Moment 
eigenwillig erscheinenden Interpretation eigentlich - und 
in deutlicher Anlehnung an die Allianztheorie (Lévi- 
Strauss, Needham) - nur die analytischen Konsequenzen 
aus einer Reihe von offenkundigen, im nachhinein jeden 
falls evidenten Tatbeständen zieht. Und diese Tatbestände 
weisen für den hohen Norden allesamt konsistente, 
obschon in ihrer Ausgestaltung recht flexible Grundstruk 
turen aus, die eine mechanische oder gar rigide Rekrutie 
rungsbasis für soziale Mitgliedschaft zu verbieten schei 
nen. Die Arrangements zur Bildung und Differenzierung 
von Gruppenbeziehungen erweisen sich bei näherer 
Betrachtung als durchaus adäquat zur Sicherung des Fort 
bestands im insularen Mikrokosmos. Ein abschließender 
Blick auf die politischen Dimensionen mag das oben 
gezeichnete Bild noch abrunden. 
Die politische Organisation auf den Banks war 
sowohl Folge der räumlich angelegten Sozialeinheiten als 
auch Gegengewicht zu den ihnen inhärenten Zentrifugal 
kräften. Da Lokalität und Verwandtschaft nur auf hori 
zontaler Ebene - und auch da nur in beschränktem 
Umfang - integrierend wirkten, ergab sich ein Spielraum 
für Paralleleinrichtungen (suqe, salagoro), die für den 
vertikalen Zusammenhalt sorgten, indem sie dem sozialen 
und wirtschaftlichen Wettbewerb formal Ausdruck verlie 
hen (vgl. 305-306). Autorität und Prestige beruhten auf 
handwerklichen, magischen und kriegerischen Fähigkei 
ten, vor allem aber auf Kontrolle der sozialen, wirtschaftli 
chen und rituellen Ressourcen: Manipulation von Tausch-, 
Verwandtschafts- und Heiratsbeziehungen; Anhäufung 
und gezielte Wiederverteilung von Schweinen, Matten, 
Muschelgeld; Einfluß in rituellen Assoziationen, Renom 
mee in der Statushierarchie (389, 325). Letztere trugen 
den Charakter einer Charta, durch die gleichermaßen die 
Ausbildung männlicher Werte betrieben und männliche 
Macht demonstriert werden konnte - unabhängig von den 
alltäglichen, mit Frauen in Verbindung gebrachten Ver 
pflichtungen und Verwandtschaftszwängen (vgl. 382). Ein 
flußreiche Männer (tavusmele), welche die Geschicke der 
Gemeinschaft leiteten, hielten einen oberen Platz (mele) 
in der Ranghierarchie inne. Es waren durch Wahl zuge 
ordnete Positionen, die erwirtschaftet werden mußten, 
obwohl auch erbliche Faktoren hineinspielten (Transmis 
sion von Vater zu Sohn) (370ff.; vgl. Codrington 1891: 
54-55). Machtausübung war grundsätzlich personal. Die 
Stellung eines ranghohen Mannes mit Führungsaufgaben 
in einer Lokalgruppe war abhängig von der Position der 
anderen Würdenträger. Macht war folglich relativ, wahr 
scheinlich bewußt relationiert. Voraussetzung für den 
Aufstieg in der Rangordnung war das Eingehen von 
Verpflichtungen und die Ableistung von Schulden; Kredit 
in Form von Dienstleistungen, Wertgegenständen und 
Rangpatronage wurden gewissermaßen auf Vorschuß 
gewährt (379). 
Die Stellung im Lokalgefüge war also von zeitlich 
begrenzter Dauer. In seiner Gesamtheit spiegelte das 
System die im Raum verankerten temporalisierten Bezüge 
wider: nach außen durch Fixierung auf das Männerhaus, 
das die Unabhängigkeit der in ihm präsenten Vertreter der 
Bevölkerung ausstrahlte; nach innen durch die wiederum 
räumlich angelegte Rangsortierung, welche auf den gesell 
schaftlichen Kodex der Machtunterschiede aufmerksam 
machte. Abgesehen von den weithin geteilten Kulturwer 
ten lag in der überregionalen Anerkennung der im gamal 
angezeigten Gradhierarchie das einzig wirkliche Binde 
glied zwischen Lokalgruppen vor, aber diese Anerken 
nung betraf nicht die Gruppen an sich (außer sie waren 
Verbündete), sondern den individuellen Status von Rang 
gleichen (308-309). 
Zum Abschluß noch ein paar generelle Bemerkungen 
zur Arbeit als solche. Wohltuend macht sich bemerkbar, 
daß gängige Topoi der Sozialanthropologie nicht schema 
tisch in Rubriken unterteilt, sondern mehr oder minder 
zusammenhängend präsentiert wurden. Methodisch sinn 
voll ist die Darlegung doch mit einem Nachteil erkauft 
worden: Notizen, Dokumente, Analysen fließen ineinan 
der über (manches wäre besser im Anhang untergebracht 
worden). Von der Anlage her weitschweifig ausgelegt, 
leiden die Argumente unter der rekursiven Beweisführung 
(die Einbuße an Klarheit wäre leicht durch ein Glossar 
wettzumachen gewesen). Der Autor hat es dem Leser 
nicht leicht gemacht; einige Textpassagen erfordern viel 
Muße, um auf die Quintessenz zu stoßen. Etwas Kopfzer 
brechen bereiten die im Anhang 3 berücksichtigten Gene 
alogien; als Prüfstein der Beweiskette hätten sie vielleicht 
eine schärfere Konturierung, zumindest einen Kommentar 
verdient. Auch hätte man sich neben einem Verzeichnis 
der Tabellen und Schaubilder einen Sachindex gewünscht, 
um die Benutzung des Buches zu erleichtern. Der Text 
enthält überflüssige Druckfehler, die Bibliographie hätte 
eine Aufwertung verdient; glücklicherweise wird die eth 
nologische Aussagekraft davon nicht berührt. 
Was den im Vorwort geäußerten Anspruch betrifft, 
einen Beitrag zur Theorie sozialer Praktiken zu leisten 
(11), so kann man darüber geteilter Meinung sein: Wenn 
überhaupt, dann wird die Arbeit dem Anspruch nur in 
Hinblick auf die Banks-Bewohner gerecht, und auch das 
Anthropos 81.1986
	        
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