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Wilson Record
Neger-Intellektuelle die Leitung hatten, wie z. B. das „Niagara
Movement“ und die „LigafürdenKampf umdieRechte
der Neger“ , wenig lebensfähig 5 . Daß Intellektuelle an Rassebewe-
gungen teilnehmen, ist noch keine Garantie für den Erfolg, doch dürfte
ihr Fehlen eine verhängnisvolle Schwäche einer solchen Bewegung
anzeigen.
Unserer Ansicht nach haben vier bedeutsame historische Vorgänge
das Verhalten der Neger-Intellektuellen als Führer von Rassebewegun
gen beeinflußt: 1. das Anwachsen des „sozialen Alphabetentums“, 2. die
Säkularisierung des Lebens der Neger, 3. die Politisierung der Neger
im Sinne einer Protestbewegung und 4. das Entstehen einer farbigen
Führerschaft im weltweiten Kampf gegen den Kolonialismus. Diese
Faktoren werden am Schluß des Artikels der Reihe nach untersucht
und kurz bewertet werden.
„Soziales Alphabetentum“ bedeutet viel mehr als nur die Möglich
keit, durch Lesen Kenntnisse zu erlangen und durch Schreiben anderen
Menschen Gedanken mitzuteilen. Es umschließt die Fähigkeit des ein
zelnen, nicht nur seine eigene Lage in Beziehung zu seiner Gruppe
(bzw. seinen Gruppen) zu erkennen, sondern auch das Verhältnis dieser
Gruppen zu anderen, mit denen er sich nicht identifiziert. Ferner gehört
dazu ein Wissen vom Funktionieren solcher Beziehungen und von den
Möglichkeiten, sie durch geplante Gruppenaktionen zu ändern. Das
soziale Alphabetentum wird durch Erfahrung erworben; doch macht
erst der Grad, bis zu dem' das Verstehen von Worten und Zeichen
sowie das Nachdenken über deren Bedeutung einen Menschen be
fähigen, soziale Beziehungen zu verstehen, das eigentliche soziale
Alphabetentum aus. Dieses soziale Alphabetentum findet sich nicht aus
schließlich bei Intellektuellen, doch läßt sich wohl mit Sicherheit be
haupten, daß sie es in besonders hohem Grade besitzen.
Historisch gesehen, hatten die Intellektuellen innerhalb der Gesamt
heit der Neger fast ein Monopol auf das soziale Alphabetentum. Doch
rührte dies nicht daher, daß sich einige gebildete Farbige bemüht
hätten, den Zugang zu den Bildungsmöglichkeiten zu 'behindern; viel
mehr ergab es sich aus den Einschränkungen, denen die weiße Gesell
schaft den Neger unterwarf, um ihm mit der Bildung die für intellek
tuelle Betätigung notwendigen Kenntnisse vorzuenthalten 6 . Die
5 Mary W. Ovington, The Walls Came Tumbling Down, pp. 100-146* Eine
weitere gute Analyse des Mißerfolgs der Niagara-Bewegung ist in R. Bunche,
Programs, Ideologies, Tactics and Achievement of Negro Betterment and
Protest Organizations, p. 22. Für die „Liga für Kampf um Negerrechte“ siehe
Wilson Record, The Negro and the Communist Party (Chapel Hill, Univ. of
North Carolina Press, 1951), pp. 77-83.
6 Buell G. Gallagher, American Caste and the Negro College (New York,
Columbia Univ. Press, 1934), chapt. 1 und 2. Es mag darauf hingewiesen wer
den, daß es vorwiegend die Neger-Intellektuellen waren, die in den Ver