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Volltext: Zeitschrift für Ethnologie, 13.1881

C11) 
Ich war wohl der erste, welcher ein solches Grüberfeld osteologiseh studirte. 
In der Sitzung vom 18. October 1873 (Verh. S. 159) beschrieb ich 4 Schádel von 
dem Grüberfelde von Platiko bei Müncheberg (Mark Brandenburg), bei deren einem 
ein Schlifenring gefunden war. Ich berechnete einen Breitenindex im Mittel von 
72,3, einen Hóhenindex von 72,2. Sonderbarerweise war darunter gleichfalls ein 
auffallend kleiner weiblicher Schüdel von nur 1100 ccm Rauminhalt. Ich schloss 
damals: ,[m Ganzen ergiebt sich daher eine Gestalt, wie wir sie von dem Ger- 
manenschädel des Westens seit längerer Zeit kennen, und man wird kaum fehl- 
gehen, wenn man dieses Gräberfeld einem älteren deutschen Stamme zuschreibt.“ 
Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, dass damals die Arbeit von Hrn. Sophus 
Müller noch nicht geschrieben war). 
Im darauf folgenden Jahre erschien die Untersuchung schlesischer Gráber- 
felder von Schwanowitz, Rackwitz und KI. Tinz (22. Vereinsbericht der schles. 
Gesellschaft) von Dr. Biefel. Es waren gleichfalls Schläfenringe gefunden. Der 
Verfasser erklärte die Gräber als germanische Reihengräber kurz vor der Vôlker- 
wanderung und stützte sich in erster Linie gleichfalls auf die rein dolichocephale 
Schädelform. Auch nach dem Erscheinen der Arbeit von Hrn. S. Müller suspendirte 
Hr. Biefel noch sein Urtheil. 
Hr. Lissauer war um dieselbe Zeit auf Thatsachen gestossen, welche ihn zu 
der Meinung führten, dass „in der Provinz Preussen in vorhistorischer Zeit ein 
dolichocephales Volk gelebt habe, dessen Schädel den Charakter der Reihengräber- 
schädel in prägnantester Weise darboten“ (Zeitschr. f. Ethnol. 1874. VI. S. 189), 
oder, wie er an einer anderen Stelle sagt, „dass die Menschen, welchen diese Schädel 
gehört hatten, mit dem Volk der süddeutschen Reihengräber ganz gleichschädelig 
gewesen seien* (S. 212). Er brachte sie daher mit den Turcilingern und Rugern 
in Verbindung (S. 221). Erst, als die Funde von Kaldus und die Kenntniss der 
Schläfenringe ihm weiteres Material geliefert hatten, entschied er sich dahin, dass 
diese alte Bevölkerung „physisch den Pruzzen verwandt“ sei (Zeitschr. f. Ethnol. 
1878. S. 132). 
Aber noch nach dieser Zeit kam Hr. Kopernicki, wie schon angeführt, auf die 
germanische Natur der Schádel zurück. Er sagt von den Schádeln aus dem Gráber- 
felde von Dirschau, dass ,ihr Bau von dem Bau der slavischen Schädel gänzlich 
abweicht und dem Bau der germanischen aus den Reihengräbern Südwest-Deutsch- 
lands sehr nahe verwandt ist.“ Ja, er findet auch die Schädel aus volhynischen 
Gräbern „ausgezeichnet dolichocephal“, sie zeigen „keine Spur einer Rassenver- 
bindung mit den Vorfahren der jetzigen kurzkópfigen Bewobner dieses Gebietes,“ 
vielmehr „die grösste Aehnlichkeit und kraniologische Verwandtschaft mit den vor- 
historischen langkópfigen Schädeln des westlichen Europas, hauptsächlich mit den 
germanischen aus den Reihengräbern.“ 
Eine grössere Uebereinstimmung der Urtheile ist kaum möglich. Wie ist nun aber 
diese Differenz der osteologischen und der archäologischen Thatsachen zu schlichten? 
Wenn noch in einer Zeit, welche schon der beglaubigten Geschichte angehört, in 
einer Zeit, wo unzweifelhaft in dem ganzen Gebiete, welches hier in Frage kommt, 
slavische, zum grossen Theil polnische Bevölkerungen lebten, die Gräberfelder 
dolichocephale Schädel liefern, so haben wir scheinbar nur die Wahl zwischen zwei 
Hypothesen. Entweder waren diese Bevölkerungen nur slavisirte Germanen, 
1) Wir haben seitdem noch ein zweites, hierher gehöriges brandenburgisches Gräberfeld 
kennen gelernt, das auf der Oder-Insel Neuenhagen (Kr. Kónigsberg, N.-M.). Alle 5 Schädel 
von da waren lange (Zeitschr. f. Eth. 1879. Verh. S. 375). 
de. 
24
	        
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