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Kleine Nachrichten.
Es gibt eine historische Einleitung, die allgemeine Anthro¬
pologie (Darwinismus usw.), schildert die äußere Form des
Menschen, hat einen orientierenden, zeitgemäßen Abschnitt
über die beiden Geschlechter und gibt schließlich einen Über¬
blick der speziellen Anthropologie (Skelett, Weichteile, Glied¬
maßen, Geschlechtsleben, Abstammung des Menschen usw.).
Albert Thümmel, Der Germanische Tempel. Mit zwei
Karten. Leipziger Inauguraldissertation 1909.
Was unsere Lehrbücher der deutschen oder germanischen
Mythologie über „Tempel“ unserer Vorfahren zu sagen wissen,
ist äußerst dürftig. Reste von Tempeln gibt es im Bereiche
der Südgermanen nicht, zur Zeit des Tacitus waren sie noch
nicht vorhanden. Lucos ac nemora conserant hieß es da.
Später aber treten Holztempel auf, deren Dasein schon da¬
durch bezeugt wird, daß die Verbrennung der Fana durch die
Christen (zumal bei den frühen) regelmäßig erwähnt wird.
Vorherrschend aber blieb in der letzten Zeit des deutschen
Heidentums (400 bis 800) noch die Götterverehrung in
Wäldern. Also von den Südgermanen ist über ihre heidni¬
schen Tempel nicht viel zu sagen; anders aber ist es bei
den nördlichen, wo allerdings auch das Heidentum länger
dauerte, und die Tempel nicht nur im vollen Lichte der
schriftlichen Aufzeichnungen, sondern namentlich in ihren
erhaltenen Überresten erscheinen. Den bei weitem größeren
Teil der Dissertation nimmt daher auch der isländische
Tempelbau ein, und hier ist es das Verdienst des Verfassers,
die Tempelruinen, deren Grundrisse gegeben werden, und die
Ergebnisse der Ausgrabungen mit den Berichten der Sagas
zu einem Gesamtbilde vereinigt zu haben, durch das wir ein
klares Bild der isländischen heidnischen Tempel erhalten.
Dr. Alfred Fürst, Sitten und Gebräuche einer Juden¬
gasse. 80 S. Székesfehérvâr, Ed. Singer, 1908. 1 Kr.
Anläßlich des 200 jährigen Jubiläums der Neubegründung
der Eisenstädter Judengasse hat Dr. A. Fürst, ein Eisen¬
städter Kind, dieses Büchlein seiner Heimatsgemeinde ge¬
widmet. Er schildert darin in Liebe: 1. Sitten und Gebräuche
des Jahres, 2. Familiengebräuche und 3. Vereine und Stif¬
tungen. Wenn auch die Sitten und Gebräuche der Eisen¬
städter Judengasse im allgemeinen mit denen der osteuro¬
päischen Judenschaft überhaupt übereinstimmen, so sind
doch manch neuer Zug und manch neue Erscheinung dem
Fachethnographen höchst willkommene Ergänzungen zum
bekannten Bilde. Solche Schilderungen wie die dargebotenen
sind überhaupt von großem Interesse, da sie das, was auf
engen Flecken unter lokaler Beeinflussung entstanden und
noch vorhanden ist, darstellen, um so mehr, als alles volks¬
kundlich Spezifische, besonders bei den Juden, schnell schwindet.
Kurz möchte ich auf einige Eisenstädter Besonderheiten
hinweisen. Es gilt als eigenes Vorrecht der Eisenstädter
Gemeinde, daß sie das eiserne Tor und die eiserne Kette, als
Symbol der Autonomie, beibehalten durfte. Damit kein
Wagengeräusch die samstägliche Ruhe störe, werden Kette
und Tor jeden Freitagabend geschlossen. Am Neujahrsfest
werden keine Enten gegessen — das Leben möge nicht
enden; hingegen liebt man die Köpfe vom Fisch und Ge¬
flügel — man möge zum Obersten und nicht zum Letzten
werden; dunkle Speisefüllungen werden gemieden — das
Jahr möge ein lichtes sein. Kopf und Füße der „Kappores“
werden übers Dach geworfen. Als Reminiszenz an das Regen¬
gebet am Laubhüttenfest ißt man mittags „Regenwürmer“
aus Teig in der Suppe. Am letzten Passattage wird eine auf
eine hohe Stange aufgesetzte Strohpuppe herumgetragen, die
„chomeziger Borehn“ heißt. Wer die erste wurmige Kirsche
zum Rabbiner bringt, erhält vom Tempelvorsteher 10 Kr.
ausgezahlt; in der Gasse aber wird verrufen, daß unauf-
gemachte Kirschen von nun an „osser wie chaser“ (verboten
wie Schweinefleisch) sind. Die Zeit dafür ist meistens
während des Bibelwochenabschnittes Korach, was so aus¬
gelegt wird: „Kirschen rein chaser“.
Das Büchlein ist jedem zu empfehlen, der Interesse für
jüdische Volkskunde hat. Der bescheidene Preis wird ent¬
schieden zu seiner Verbreitung beitragen. S. Weißenberg.
Kleine Nachrichten.
Abdruck nur mit Quellenangabe gestattet.
— Bericht der Kaiserl. Chinesischen Post vom
Jahre 1908. In Nummer 1 des laufenden Globusbandes
wurde über die chinesische Post berichtet, jetzt stehen die
neuesten Angaben über das erstaunliche Zunehmen des
dortigen postalischen Lebens zur Verfügung. Demnach ist
seit 1907 die Gesamtzahl der Postorte von 2803 auf 3493, die
der beförderten Sendungen an Briefen, Postkarten, Zeitungen,
Büchern und Warenproben von 168 Millionen auf 252, die
der Paketsendungen von 1920 000 auf 2 455 000 und ihr
Gewicht von 5 509 000 auf 7155 000 mit entsprechendem Werte
gestiegen, obwohl Pakete im Werte von 30 Dollar und mehr
versichert werden müssen. Neben der Kaisei'lichen Post
hat auch die alte, in dem vorangegangenen Artikel geschil¬
derte einheimische ansehnliche Zunahme zu verzeichnen.
Ihr Brieftransport wuchs von 6 auf 8 Millionen, die in
415 000 Sendungen (gegen 341000 des Vorjahres) befördert
wurden, im Gewicht von 83 000 Kilo (gegen 74000 im Vor¬
jahre). Nordchina zeigt eine Zunahme von 358 Postämtern,
32 Millionen Briefsendungen und 325 000 Paketen; Mittel¬
china von 86 Postämtern, 8 Millionen Briefsendungen und
28 000 Paketen; Niederyangtze von 42 Postämteni, 34 Millionen
Brief Sendungen und 83000 Paketen; endlich Südchina eine
Zunahme von 204 Postämtern, 10 Millionen Brief Sendungen
und 99 000 Paketen. — Der Expreßdienst stieg von 221000
Briefen im Jahre 1907 auf 317 000 im Jahre 1908. Auch das
Postanweisungsgeschäft hat erheblich zugenommen, sehr un¬
liebsam bemerkt wegen der in China bestehenden verschiedenen
Währungen. ■— Die Kurierlinien haben im Laufe des Jahres
um fast 8000 englische Meilen zugenommen, die Dampfer¬
linien bedecken 8000, die Eisenbahnlinien 4000 Meilen. In
13 .Tagen gelangen jetzt Postsendungen von Peking nach
Berlin, in 15 von Schanghai. Ganz eigentümlich ist das Ver¬
hältnis der alten einheimischen Postanstalten, sie versorgen
sozusagen die Kaiserliche Post mit Ortssendungen, denn jeder
ihrer Briefe wird bezahlt. Und obwohl z. B. im Pekinger
Bezirk 19 Hongs (einheimische Postämter) bestehen mit
81 Kurieren, so übergaben sie doch der Kaiserlichen Post im
Jahre 1908 223 000 Briefe. Nach wie vor haben fremde
Mächte in China eigene Postämter, jedoch ist ihr Verhältnis
zur Kaiserlichen Post durchaus freundlich. Im April vorigen
Jahres wurde ein Postatlas von 20 Blatt ausgegeben, ein
Blatt für jede Provinz, mit Angabe der Postämter und
Telegraphenlinien. Verschiedenen Briefmarken hat man, um
sie mit den Bestimmungen des Weltpostvereins in Einklang
zu bringen, andere Farben gegeben.
— Die Jacht „Carnegie“, die zu magnetischen
Aufnahmen dienen wird, ist am 12. Juni d. J. in Brooklyn
vom Stapel gelaufen. Ihr Besitzer ist das Carnegie-Institut,
das eine magnetische Aufnahme der ganzen Erde innerhalb
15 Jahren durchführen will und damit auch schon begonnen
hat. Das Schiff wird unter der Leitung von W. J. Peters
stehen, der bereits die Aufnahmen der „Galilee“ im Großen
Ozean von 1906 bis 1908 geleitet hat. Zunächst soll der
„Carnegie“ im Atlantischen Ozean arbeiten, nach anderen
Nachrichten in der Hudsonbai. Auch eine Reise in die
Meeresteile in der Gegend des magnetischen Südpols soll ihm
zugedacht sein.
Mit Rücksicht auf seinen Zweck ist beim Bau des Schiffes
die Verwendung von Eisen nach Möglichkeit vermieden
worden. Mit Ausnahme der gußeisernen Kolben der Zylinder
und der Gasbehälter ist an und in dem Schiffe wenig von
Eisen; man hat sich durch Benutzung von Kupfer, Kupfer¬
legierungen und Aluminium geholfen. Die Wasseiwerdrängung
beträgt 568 t. Die Maschinenkraft, 150 PS., wird durch Gas
erzeugt. Man will aber auch die Segelkraft sehr ausgiebig
benutzen, weshalb die Segelfläche des Schiffes auf nicht weniger
als 1170 qm bemessen ist.
— Zu Leiden ist im verflossenen Jahre ein Batakisches
Institut gegründet worden, in dessen Vorstand verschiedene
Universitätsprofessoren, darunter Dr. A. W. Nieuwenhuis, der
bekannte Naturforscher und Reisende, sitzen. Zweck ist die
genaue Erforschung der Bataklande auf Sumatra, deren
koloniale Entwickelung und kultivierende Einwirkungen
auf die begabte malaiische Bevölkerung. Jetzt hat das
Institut eine umfangreiche „Bataknummer“ in der Zeitschrift
„Neerlandia“ (6. Juni 1909) veröffentlicht, auf die wir wegen
ihres reichen Inhaltes und wegen der zahlreichen guten
Originalabbildungen ethnographischer Art hinweisen wollen.
Gelehrte wie Kern, Nieuwenhuis, Fischer u. a. beteiligten sich
mit Abhandlungen, unter denen wir manches finden, was in
den gewöhnlichen Beschreibungen nicht enthalten ist,