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Zachariae :
Ein salomonisches Urteil .
( Gesta Romanorum nr . 196 . )
Yon Theodor Zachariae .
In den Gesta Romanorum nr . 262 Oesterley ( = nr . 54 Dick ) lesen wir von einem römischen Kaiser Valerius , der sehr reich und freigebig war . Er hatte drei Söhne und unzählige Sklaven . Die Sklaven lohnte er so reichlich , dass er seine Besitzungen , sein Gold und sein Silber an sie verschenkte . Schliesslich blieb für ihn und seine Erben nur ein wunderbarer Baum übrig : alle Kranken — die Aussätzigen ausgenommen — , die von den Früchten dieses Baumes assen , erlangten ihre Gesundheit wieder . Als aber der Kaiser starb , vermachte er den Baum seinen drei Söhnen . Yon diesen erhielt der Jüngste den Baum durch einen spruch .
Über den Urteilsspruch selbst erfahren wir nichts Näheres ; wir fahren nicht , ob sich die drei Söhne etwa um den Besitz des Baumes stritten und warum der Baum gerade dem jüngsten Sohne , als dem mässigen Erben , zugesprochen wurde . Wohl aber erfahren wir das in einer volleren , übrigens in der Einleitung etwas abweichenden Form der eben mitgeteilten Erzählung : Gesta nr . 196 Oesterley ( nr . 146 Dick ; Gesta Romanorum , das ist der Römer Tat , hsg . von A . Keller 1841 S . 50ff . ; Gesta Romanorum deutsch von Grässe 2 , 147 ; The early English versions of the Gesta Romanorum ed . Herrtage 1879 S . 431 ff . ) . In Rom regierte der Kaiser Ezechias1 ) ; der hatte drei Söhne , die ihm sehr lieb waren . Er führte ein silbernes Schild mit fünf roten Rosen2 ) . Dieser Kaiser
1 ) Ezechias ( = Hiskia ) Oesterley S . 608 ; Ochozyas ( = Ahasja ) Dick S . 92 . Die Form dieser Namen schwankt in den von Oesterley S . 9 ff . analysierten Handschriften ausserordentlich . Ich verzeichne die " Varianten Athisias , Azias , Echias , Othosias , Echozias , Ochezias , Achoysas , Athoyfas , Chayfas , Thosias , Chosias , Kosias , Kostes . In der anglo - lateinischen Rezension der Gesta lautet der Name des Kaisers : Anseimus ( Oesterley S . 186 ff . ; vgl . Herrtage S . 431 ) . Auffällig ist die Namensform J o si as bei Grässe 2 , 147 . Die Grimmsche Handschrift der deutschen Gesta in Berlin , der Grässe folgt , bietet nach Oesterley S . 228 , 10 die Form Kosias , nicht Josias . Hat Grässe kürlich - geändert , hat er mit Absicht an die Stelle des unbekannten Kosias den Namen des bekannten jüdischen Königs Josias gesetzt ? Wie der Kaiser von Rom in den Gesta nr . 196 , so hatte auch Josias , König von Juda , drei Söhne ( nach der besten lieferung ; doch vgl . 1 . Chronica 3 , 15 ) ; und ebenso wie der Kaiser der Gesta im Kampfe wider einen König Ägyptens tödlich verwundet wird , so fiel Josias in der Schlacht bei Megiddo , die er dem Pharao Necho lieferte ( 2 . Könige 23 , 29f . ; 2 . Chron . 35 , 20ff . ) .
2 ) Diese Bemerkung über das Wappenschild des Kaisers fehlt bei Oesterley , Keller und Grässe , sie steht aber bei Dick und in der anglo - lateinischen Rezension der Gesta , s . Oesterley S . 192 . 195 und vgl . Herrtage S . 431 : Ancelme , whiche bare in his armes a shelde of syluer , with fyue reed rosys .