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Das Lehrsystem von Karl Marx.
Die Sozialdemokratie hat sich von jeher befleißigt, ihre sozia
listische Theorie wissenschaftlich zu begründen. Ferdinand Lassalle
sucht den Sozialismus auf das engste mit den großen ökonomischen
und sozialen Richtungen der Zeit zu verknüpfen. In seinem „System
der erworbenen Rechte" sieht er in dem Sozialismus den eigent
lichen Vollstrecker der Enteignungsidee, die er in ihrem „kultur
historischen Gang" durch die Rechtsgeschichte verfolgt hat. „Immer
mehr" wird die „Eigentumssphäre des Privatindividuums" nach
Lassalles Ansicht beschränkt, „immer mehr Objekte werden außer
halb des Privateigentums" gesetzt. Nach Lassalle steht Europa
in sozialer Hinsicht vor der großen Frage, ob noch in unseren
Tagen, da es kein Eigentum mehr an der unmittelbaren Benutz
barkeit eines Menschen gibt, noch ein solches auf eine mittelbare
Ausbeutung bestehen soll. Lassalle sucht den Sozialismus als das
notwendige Glied eines sozialrechtlichen Entwicklungsprozesses zu
erweisen, der damit begonnen hat, den Menschen aus den Klam
mern des Privateigentums zu befreien, ihn nicht mehr zum „Eigen
tumsobjekt eines anderen Menschen" werden zu lassen. In diesem
Prozeß der Emanzipation des Menschen, der Stellung des
Menschen außerhalb des Eigentums, erfüllt nun nach Lassalle der
Staat des allgemeinen Wahlrechts die Rolle eines großen wirt
schaftlichen Befreiers der arbeitenden Klasse, er vollbringt die Ent
wicklung des Menschen zur Freiheit. Diese Staatsidee Lassalles
steht im schärfsten Gegensatz zu der Staatstheorie von Karl Marx.
Der Staat wird nach Marx durch ökonomisch-soziale Faktoren ge
staltet und fungiert nicht als schöpferische, selbständige Macht. In
den Ideengängen des Agitators Lassalle, die doch sonst so abhängig
von denen des Theoretikers Marx sind, scheint der Zentralgedanke
des Marxschen Systems: der Kapitalismus geht an seinen eigenen
Widersprüchen zugrunde, völlig ausgeschaltet zu sein. Dieser Ge
danke ist, wie uns die nachfolgende Analyse des Marxschen Kapitals
beweisen wird, besonders klar in diesem Werke herausgearbeitet.
In seinem „Kapital" charakterisiert Marx zunächst den bürger
lichen Reichtum als „eine ungeheure Warensammlung". Die
Waren lassen sich unter einem doppelten Gesichtspunkt betrachten.
Einerseits sind sie Gegenstände menschlicher Bedürfnisse, Ge
brauchswerte, „Lebensmittel im weitesten Sinne des Wortes".