157
Julius Jaeger : Innsbruck .
Innsbruck .
Eine erdgeschichtliclie Betrachtung
von Julius Jaeger . München .
Goethe spricht in „ Dichtung und Wahrheit“ ( 4 . Teil ) von einer Zeit , wo ihn „ die zwar höchst löbliche , aber doch den Eindruck der schönen Erdoberfläche vor dem Anschauen des Geistes zerstückelnde Geognosie noch nicht angelockt“ habe , und es ist in der That nicht zu verkennen , dafs das Bestreben , die aufeinanderfolgenden verschiedenen Schichten und Gesteine , die Faltungen , Brüche und Verwerfungen zu ermitteln , den druck einigermafsen verwischt und beeinträchtigt , den wir bei unbefangener Anschauung eines Landschaftsbildes gewonnen haben . So übt z . B . die Welt der Dolomiten auf gebildete wie ungebildete Gemüter einen lichen Zauber des Feenhaften aus und regt die liche Phantasie zu märchenhaften Vorstellungen an ( der Rosengarten des Königs Laurin ! ) . Wenn wir dann fahren , dafs das nackte Naturgesetz der Verwitterung und Auswaschung und keinerlei Märchenzauber die Burgen , Bastionen , Zinnen , die Nadeln und Türme , Erker und Söller geschaffen habe , welche wir an diesen miten bewundern , so führt diese Erklärung naturgemäfs eine Enttäuschung und Ernüchterung herbei . Da es aber ein vergebliches Bemühen sein würde , sich dem wahren Sachverhalte zu verschliefsen , um uns das völlig naive Anschauen und Bewundern der schönen A\ irklichkeit zu retten , so verschaffen wir uns dadurch Ersatz , dafs wir auf die grofsen Ereignisse der Erdgeschichte zurückgehen und an Stelle des Märchens das natürliche Wunder auf uns einwirken lassen , das aus Meeren Land schuf und dieses mit Riesenarmen zu hohen Gebirgen türmte , bunden durch liebliche Thäler und belebt durch strömende Gewässer .
In diesem Sinne treten wir heute an das zwischen hohen Bergen gebreitete Innsbruck heran . In der grofsen I haifurche des Inns hat diese schöne Stadt gerade dort ihre Stelle gefunden , wo die Sill von den südlich legenen Zentralalpen her in das Innthal sich ergiefst und der Innstrom in grofsem Bogen oberhalb V ilten nach der nördlichen Seite des Thaies gedrängt wurde , um erst unterhalb Amras in seine frühere Richtung kehren . In diesem grofsen Dreieck des Jhales war dei natürliche Platz für eine ausgedehnte menschliche Siede - lung , in der von Ost nach West , von Süd nachAord und umgekehrt der Verkehr zusammenlaufen und sich kreuzen konnte . Die Stadt liegt aber zugleich auch fast in der Mitte des grofsen Längenthaies , in dem sich der Inn von Landeck bis Wörgl bewegt und das , wie schon A . Schlagintweit wohl richtig bemerkt hat , einei Reihe von successiven Hebungen , verbunden mit teilweisem Zurücksinken der Masse in Thäler und Mulden seine Entstehung verdanktQ . Dieses Längenthal umschliefst nach dem genannten Forscher ganze Gruppen der Alpen ( massifs ) als grofser Schollenbruch , bei dem auch die Verschiedenheit der Gesteine von Zentral - und Kalkalpen auf lange Strecken eine Rolle spielte und das Wasser nur dieÖDenudation und Ausbreitung der Thalsohle be -
rsuchungen über die Thalbildung und die Form züge in den Alpen“ von Dr . A . Schlagintweit . er geologischen Reichsanstalt Wien 1851 , Heft 1 ,
: sorgte 2 ) . Eine thalbildende Bedeutung gewann dagegen offenbar das Wasser in den zwei engen Teilen des nicht mehr zum Längenthale zu rechnenden Innthales , nämlich in der wilden , langgestreckten Felsenschlucht von Pon - talt im Oberengadin , wo sich ihm ein Quersattel des birges entgegenstellt und in der 8 km langen schlucht von Finstermünz , endlich auch in dem breiten Querthale Wörgl - Kufstein - Ebene 3 ) .
Die Landeshauptstadt Innsbruck inmitten des Längen - thales wird im Norden von den steilen Kalkmauern des Karwendels , im Süden von einzelnen sich an das gebiet der Zentralalpen anlehnenden gleichsam insularen Kalkbergen , wie Serles und Saile und dem phyllitischen Patscher Kofel umstanden . Der weite Rifs des Innthales , welcher hier die beiderseitigen Kalkberge trennt , gestattet wohl die Annahme , dafs die Bildung des Längenthaies erst nach den Ablagerungen des mesozoischen Zeitalters erfolgte und zwar im Zusammenhänge mit der erhebung im jüngeren Tertiär 4 ) .
Der Karwendel zeigt durchgreifende Störungen durch Faltung und Verrückung an Gleitflächen , infolge dessen Brechung , Zertrümmerung und daneben auch die Spuren präalpiner Verwerfungen . „ Längs des Innthales scheinen tief eingesunkene Schollen den Rand dieser Kalkalpen gegen die krystallinischen Schiefer gebildet zu haben 5 ) . “
Was die Triasgebilde der rechten Innseite be - ! trifft , so hat sich nach Ansicht einiger Geologen über die
2 ) Ähnlich deutet auch Lyell , Geologie , Bd . 1 , S . 96 , für die Erklärung der Hauptthäler und ihres Verlaufes auf das Erheben und Sinken grofser Teile der Erdrinde , dann auf die verschiedene Härte der Gesteine , auf Risse und Spalten selbst in horizontalen Schichten hin . — B . Cotta , „ Alpen“ ,
S . 231 , spricht von „ Zerspaltungen mit anschliefsender Erosion“ . — C . Richter , „ Gebirgserhebung und Thalbildung“ in der Zeitschrift des Alpenvereins 1899 , S . 18 ff . , hält die Thäler für so alt wie das Gebirge selbst ( „ aus der Gebirgsmasse wurde eine Anzahl prismatischer Körper , den jetzigen Thälern entsprechend , herausgenommen“ ) , führt jedoch die Entstehung der Längsthäler auf etwas weichere Gesteinsfolge zurück , entstanden bei Zusammenschub des Gebirges , „ welche es den Gewässern leichter machte als anderswo , sich eine Furche zu graben“ .
а ) Nach Bayberger , „ Der Inngletscher“ ( Ergänzungsheft Nr . 70 zu Petermanns Mitteilungen 1882 , XV ) , reicht das Querthal Wörgl - Brannenburg tief in die tertiäre Zeit hinein und verdankt aufser der Wirkung mächtiger Gewässer auch der Spaltenbildung mit Bruchrändern seine Entstehung . — Rothpletz in seinem „ Querschnitte durch die Ostalpen“ 1894 erklärt die Umbiegung des Inn nach Norden bis Wörgl durch den Umstand , dafs er von Brixlegg an in eine alte , präalpine Meeresbucht einmündete und in dieser bis Kufstein fortlief .
4 ) Nach C . Diener , „ Der Gebirgsbau der Ostalpen“ , schrift des Alpenvereins 1901 , S . 1 ff . , ist die grofse depression zwischen Zentral - und nördlicher Kalkzone mit ihren Längsthälern keinesfalls vor dem jüngeren Tertiär standen , während ein Teil der Querthäler , wie das Innthal hei Kufstein , bis in die Kreidezeit reichen soll .
б ) Ampfer er und Hammer , „ Beschreibung des lichen Teiles des Karwendelgebirges“ , Jahfbuch der geolog . Reichsanstalt Wien 1898 , S . 289 ff . , welche das Innthal eine durch Brüche veranlafste Thalung nennen , kommen lich Aufbaues des südlichen Karwendels zu ähnlichen taten wie Rothpletz früher bezüglich des nördlichen Teiles dieses Gebirges ; vgl . Zeitschr . 'd . Alpenvereins 1888 , S . 401 ff .