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Volltext: Das französische Volkslied

4 Louis Schneider 
verliert es. Infolge dessen wird es manchmal unkennt 
lich. An die Stelle des ursprünglichen Grundgedankens 
tritt ein anderer; bisweilen verschmelzen sich zwei Lieder 
zu einem; neue Strophen, Anspielungen auf gleichzeitige 
Begebenheiten oder auch bloße Erfindungen der Sänger, 
die es vortragen, schleichen sich ein. Aus diese Weise 
evolvieren Musik und Poesie, und es bleibt dabei, daß 
das Volkslied feiner Natur nach wesentlich unpersönlich 
ist. Geschaffen von einem unbekannten Musiker oder 
Dichter, einem obskuren Rhapsoden oder Barden, der von 
den Knnstgeheimnissen nichts wußte, aber von einem tiefen 
Naturempß'nden durchdrungen war, eilt das Lied, nach 
dem eg kaum den Lippen seines Schöpfers entflohen, von 
Mund zu Mund, durch Raum und Zeit in bloß münd 
licher Überlieferung, ohne die Hilfe einer schriftlichen Auf 
zeichnung.^ 
Also kein Lied ist gleich bei seiner Entstehung ein Volks 
lied, es muß erst Volkslied werden, sich über ein Land 
verbreiten, sich von Generation zu Generation fortpflanzen, 
sogar über die Grenzen seiner Heimatsprovi'nz hinaugzu- 
wandern, um schließlich anerkanntes Gemeingut einer 
ganzen Nation zu werden. 
* Tierfot, Histoire de la Chanson populaire en France, 1889.
	        
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