Abyssinien und
nun kurz so wiedergeben . Der Gletscher bewahrt , wie die Erfahrung gelehrt hat , in seinen inneren und unteren Theilen Winter und Sommer eine constante Temperatur von 0° , und steht unter einem von seinem eigenen Gewichte veran - laßten hoch hinausragenden und immer von Neuem erweckten mächtig hinabpressenden Drucke , wodurch der Möglichkeit , all - mälig mehr und mehr in die Tiefe zu gehen und nnauf - hörlich im Schmelzen begriffen zu sein , nichts entgegensteht . Daß nun aber hierbei etwas gauz Aehuliches zum Vorschein kommen kann , als wenn die Masse in einem zähslUffigen Zustande wäre , womit sie sich durch Engen hindurchpresse , an offenen weiteren Stellen wieder ausdehne und sich überall in die Formen des Bettes hineinfüge , ist eine Eigenschaft , welche
1 ) der beständig wirksamen Regelation des Eises , und
2 ) dem abwechselnden Schmelz - und Gefrierprocesse durch den fortwährend bald gesteigerten bald verminderten Druck zugeschrieben werden muß . Die wirkliche Zähflüssigkeit des Eises paßt nicht für die Erfahrung , und es tritt ihr überall
die Europäer . 43
\
da ein gar nicht zu befeitigender Widerspruch entgegen , wo die Materie nicht die geringste Spannung ertragen kann ohne zn zerreißen . Dagegen hebt die Annahme der fortwährend thätigen Regelation jede Einrede auf und besitzt bis jetzt noch keine namhafte Erfahrung des Widerspruchs .
Mit Hülse dieser Theorie wurden auch schon alle wichtigen Fragen der Gletscherbewegung auf eine ebenso naturgemäße als befriedigende Weise beantwortet . Aber dennoch sehlt der Kampf mit der Gegenpartei nicht . Man will hier noch nicht Unrecht haben , oder richtiger gefagt , man kann sich noch nicht dazu entschließen , Recht zu geben . Das ist indeß der gewöhnliche Gang der Kämpfe unter den Gelehr - ten , fobald es sich nmPrincipien oder Theorien handelt , und man hat viel mehr Ursache sich darüber zu freuen als zu be - klagen . Denn wenn man dabei das Bischen durch verletzte Eitelkeit und Persönlichkeit erzengte Gehässige nnd Bittere seinem vergänglichen Schicksale überläßt , so bleibt stets ein herrlicher Gewinn für die Wissenschaft übrig , der allen Streit überlebt .
Abyssinien und die Europäer .
Mißverständnisse , welche in Betreff des Morgenlandes obwalten . — Aethiopien und Abyssinien . — Der Name Habesch . — Das alte äthio - pische Reich und dessen Verfall . — Die Umtriebe und Fehler der Engländer und Franzosen . — Gegensatz von Abendland und Orient . — Verfall der christlichen Kirche in Abyssinien . — Die Stellung des Patriarchen . — Formelwesen und Fetischdienst . — Geistliche und Mönche . —
Christenthum und Racenverhältnisse .
Der Europäer im Allgemeinen versteht den Menschen des Orientes wenig oder gar nicht ; er weiß sich nicht in des - sen Eigentümlichkeiten zu versetzen , er sieht in demselben mehr oder weniger einen Barbaren oder Halbbarbaren , der sür ihn lediglich vorhanden sei , um ausgebeutet zu werden .
Ausgebeutet auf zweierlei Art ; mau will ihn , wenn er Heide oder Mo - hammedaner ist , zum Christen machen .
Aber zu was für eineuChristeu ?
Etwa zum Katholiken , englischen Hoch - kirchenchristen , Methodisten , Bapti - sten , Congregationalisten : c . : c . ? Alle Kirchen oder Secten schicken Missio - näre sehr oft in dasselbe Land ; dort wollen sie dann die Einwohner bekeh - ren , während sie einander aus das Bit - terste befehden und sich gegenseitig der Irrlehren beschuldigen . Das kann den „ Barbaren " keine Achtung ein - flößen . Auch sind oftmals diese Mis - sionäre , theils bewußt , theils unbewußt , nur Werkzeuge für die Politik oder Vorläufer des Waarenballens , Bahn - brecher für den Kattun , die Axt , das Taschenmesser , den eisernen Nagel und das Schießgewehr ; sie müssen , wenn sie schlecht behandelt werden , den Vor - wand abgeben , unter welchem die enro - päischen Seemächte sich in die Angelegenheiten der nicht - christlichen Staaten einmischen . So ist es im asiatischen Orient , wo die Franzosen den Länderraub in Cochin - china systematisch betrieben haben . Ihr Kaiser hatte in sei - nein „ Monitenr " hoch und feierlich vor der Welt gelobt ,
Ein Bauer aus der Landschaft Tigre
daß er an keinen Ländererwerb in jenem Lande denke ; und doch hat er dem Kaiser von Annam nicht weniger als sechs Provinzen weggenommen . Vor ein paar Jahren las ich in einer französischen Zeitschrift das naive Eingeständniß : „ Pour la France la question de sio n s absorbe presque toute 1' iin - portance politique , " nämlich in Asien und Afrika .
Derselbe Ausspruch gilt von den Engländern , welchen jedoch mehr am Warenabsatz als an bloß politi - schein Einflüsse liegt . Sie benutzen aber ihre Missionäre ganz systematisch als politische Agenten nnd Helfers - Helfer und wundern sich hinterher , daß die verstockten Barbaren sich gegen die Annahme der wahren Lehre und des Manchesterkattuns sträuben !
In Abyssinien haben beide , Eng - länder wie Franzosen , von Anfang an eine wüste Wirtschaft getrieben , die einen um so widerwärtigern Eindruck machte , weil die einen wie die ande - ren die Verbreitung des „ wahren " Christenthums in den Vordergrund schoben .
Wir haben die abyssinischen Ver - Hältnisse oftmals im „ Globus " er - örtert und über dieselben reichhaltige Mittheilungen gebracht . Heute wollen wir Einiges recapitu - lireu , das zum Verständnisse der gegenwärtigen Zeitläufte beitragen kann .
Gewöhnlich bezeichnet man mit dem Namen Abyssinien Abissinien oder Abessinien die ostafrikanische Region ,