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Inhalt / Download : Der Erdball, 4.1930

355 — 
Wenige Schritte haben uns aus 
der Europäeransiedlung hinausge- 
bracht; einem eben erkennbaren 
Fußpfade folgend erreichen wir 
bald ein Eingeborenendorf, in dem 
sich eben das erste Leben des 
Tages zu regen beginnt. Holz 
feuer mit ihrem beizenden Rauch 
lodern auf; Kinder wälzen sich im 
Sande; Schweine laufen grunzend 
über die Höfe; mit offenem Munde, 
staunend, sehen uns die schwarz 
braunen Gesellen nach, die nicht 
begreifen können, wie man frei 
willig schon so früh am Tage hier 
herumlaufen und nun gar auf 
einen Berg hinaufklettern kann, 
wo man doch absolut nichts ver 
loren hat. 
Es ist heller Tag geworden. 
In den Eingeborenenpflanzun- 
die, die wir durchqueren, kann 
man noch eben von „Weg“ reden. 
Geschickt hilft uns unser schwar 
zer Führer beim Ueberklettern der 
zahlreichen Zäune, die die Pflan 
zungen voneinander trennen und 
gegen Verwüstungen durch die 
überall herumstreifenden ver 
wilderten Schweine schützen sollen. 
Wo das bebaute Gebiet auf hört, 
muß ein Streifen „Busch“ durch 
wandert werden, völlig wild her 
an wachsender Tropenwald mit 
hohen, uralten Bäumen, viel dich 
tem Unterholz und noch mehr 
zähen Schlinggewächsen, so daß 
oft erst das lange Buschmesser 
unseres Führers in Tätigkeit treten 
muß, bevor wir weiter kommen 
können. So arbeiten wir uns all 
mählich bis zum Fuß des eigent 
lichen Bergkegels vor. 
Hier hört der letzte Rest von 
Weg auf. Geradeaus, so gut es 
geht, klettert unser Führer den 
Berg hinan; wir im Gänsemarsch 
hinterher. 
Was von unten ausgesehen hatte 
wie eine schöne, grüne, sich den 
Berg hinanziehende Wiese, ent 
puppt sich als eine mit brusthohem, 
messerscharfen Kunai-Gras be 
wachsene, schräge Fläche mit glat 
tem, schlüpfrigen Untergrund, der 
das Steigen aufs äußerste er 
schwert. Der Tau der Nacht liegt 
so reichlich auf dem harten Step 
pengras, daß wir bis zur Schulter 
höhe beim Hindurcharbeiten durch 
diese Wildnis in wenigen Minuten 
bis auf die Haut durchnäßt sind. 
Solch eine Art unterwegs ge 
nossenes Bad wirkt anfangs ganz 
angenehm kühlend; auf die Dauer 
empfinden wir aber doch die Ab 
kühlung recht unangenehm und 
sehnen das Ende des Bades herbei, 
denn durch das lange Tropenleben 
ist der Körper gegen Kälte zu 
empfindlich geworden. 
Ganz langsam nur kommen wir 
vorwärts. Das Nehmen der star 
ken Steigung bei ständigem Aus 
gleiten auf dem feuchten Boden 
stellt zu hohe Anforderungen an 
Herz und Lungen, als daß wir des 
Bergsteigens ungewohnte See 
fahrer ohne häufige Ruhepausen 
den Anstieg hätten bewältigen 
können. Unsere Pulse jagen, und 
was der Tau von außen noch nicht 
durchnäßt hat, das ist bald von 
Schweiß durchtränkt. Mehrfach 
muß auf allgemeinen Wunsch ein 
längerer Halt eingelegt werden. 
Ein Blick hinunter auf die Blanche- 
bucht hinter uns belohnt dann für 
die Anstrengungen, feuert aber 
auch jedesmal zu baldiger Fort 
setzung der Kletterei an, da das 
Ziel der Wanderung noch weit 
größeren Genuß erhoffen läßt. 
Fast zwei Stunden geht es so 
bergan. Die ersten Sonnenstrah 
len, die uns beim Verlassen des 
Bergesschattens treffen, begrüßen
	        
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