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Wenige Schritte haben uns aus
der Europäeransiedlung hinausge-
bracht; einem eben erkennbaren
Fußpfade folgend erreichen wir
bald ein Eingeborenendorf, in dem
sich eben das erste Leben des
Tages zu regen beginnt. Holz
feuer mit ihrem beizenden Rauch
lodern auf; Kinder wälzen sich im
Sande; Schweine laufen grunzend
über die Höfe; mit offenem Munde,
staunend, sehen uns die schwarz
braunen Gesellen nach, die nicht
begreifen können, wie man frei
willig schon so früh am Tage hier
herumlaufen und nun gar auf
einen Berg hinaufklettern kann,
wo man doch absolut nichts ver
loren hat.
Es ist heller Tag geworden.
In den Eingeborenenpflanzun-
die, die wir durchqueren, kann
man noch eben von „Weg“ reden.
Geschickt hilft uns unser schwar
zer Führer beim Ueberklettern der
zahlreichen Zäune, die die Pflan
zungen voneinander trennen und
gegen Verwüstungen durch die
überall herumstreifenden ver
wilderten Schweine schützen sollen.
Wo das bebaute Gebiet auf hört,
muß ein Streifen „Busch“ durch
wandert werden, völlig wild her
an wachsender Tropenwald mit
hohen, uralten Bäumen, viel dich
tem Unterholz und noch mehr
zähen Schlinggewächsen, so daß
oft erst das lange Buschmesser
unseres Führers in Tätigkeit treten
muß, bevor wir weiter kommen
können. So arbeiten wir uns all
mählich bis zum Fuß des eigent
lichen Bergkegels vor.
Hier hört der letzte Rest von
Weg auf. Geradeaus, so gut es
geht, klettert unser Führer den
Berg hinan; wir im Gänsemarsch
hinterher.
Was von unten ausgesehen hatte
wie eine schöne, grüne, sich den
Berg hinanziehende Wiese, ent
puppt sich als eine mit brusthohem,
messerscharfen Kunai-Gras be
wachsene, schräge Fläche mit glat
tem, schlüpfrigen Untergrund, der
das Steigen aufs äußerste er
schwert. Der Tau der Nacht liegt
so reichlich auf dem harten Step
pengras, daß wir bis zur Schulter
höhe beim Hindurcharbeiten durch
diese Wildnis in wenigen Minuten
bis auf die Haut durchnäßt sind.
Solch eine Art unterwegs ge
nossenes Bad wirkt anfangs ganz
angenehm kühlend; auf die Dauer
empfinden wir aber doch die Ab
kühlung recht unangenehm und
sehnen das Ende des Bades herbei,
denn durch das lange Tropenleben
ist der Körper gegen Kälte zu
empfindlich geworden.
Ganz langsam nur kommen wir
vorwärts. Das Nehmen der star
ken Steigung bei ständigem Aus
gleiten auf dem feuchten Boden
stellt zu hohe Anforderungen an
Herz und Lungen, als daß wir des
Bergsteigens ungewohnte See
fahrer ohne häufige Ruhepausen
den Anstieg hätten bewältigen
können. Unsere Pulse jagen, und
was der Tau von außen noch nicht
durchnäßt hat, das ist bald von
Schweiß durchtränkt. Mehrfach
muß auf allgemeinen Wunsch ein
längerer Halt eingelegt werden.
Ein Blick hinunter auf die Blanche-
bucht hinter uns belohnt dann für
die Anstrengungen, feuert aber
auch jedesmal zu baldiger Fort
setzung der Kletterei an, da das
Ziel der Wanderung noch weit
größeren Genuß erhoffen läßt.
Fast zwei Stunden geht es so
bergan. Die ersten Sonnenstrah
len, die uns beim Verlassen des
Bergesschattens treffen, begrüßen