Neben den Lichtspielen hat es in China viele Jahrhunderte lang
auch Theater gegeben, die plastische Puppen verwendeten. Und
auch heute sollen sie noch vereinzelt vorkommen, aber — wenigstens
in Peking — nicht mehr beliebt‘ sein, Im Gegenteil. Die Leute
reden sich hier das unsinnigste Zeug zusammen. Wenn die Puppen
einen Tropfen Blut angespritzt bekommen, sollen sie des Nachts da-
vonlaufen und den Menschen die Hälse abschneiden oder ihnen sonst
irgendeinen Leibesschaden zufügen. Sie habem dann Blut geleckt
und möchten iinmer noch mehr davon haben. Auch für den Chi-
nesen ist Blut ein ganz besonderer Saft. Außerdem können die Pup-
pen seiner Ansicht nach zu Teufeln werden und die größte Unruhe
stiften. Ganz China zittert ja vor allen möglichen Geistern, nament-
lich vor den verschiedenen Emanationen gestorbener Freunde und
Verwandten. Jedenfalls hütet man sich vor diesen keineswegs sehr
zuverlässigen Seelen, wo man nur immer kann, oder pflegt sie, aus
Angst oder doch aus Vorsicht. Am Hausaltar, im Tempel oder wo
sich sonst Gelegenheit findet. Man nennt das Ahnenverehrung und
begründet darauf ein ganzes praktisches Religionssystem. Doch folgt
daraus noch keineswegs, daß der Chinese etwa ein den Eltern sehr
gehorsames und nachgiebiges Kind ist. Im Gegenteil. Krachs mit
den Angehörigen, Schimpfereien und Insulten gehören zum täglichen
Bedarf der Familie. Erst wenn sie gestorben sind, kommt die Ver-
ehrung: die Vergöttlichung. Aus blasser Furcht. Und so will man
auch mit den Puppen nichts zu tun haben, die sich auf so unheim-
liche Weise bewegen. Die Geister möchten sich da hinein ver-
kriechen. Der heutige Chinese ist ein armer Teufel. Außer dem
höchst realen Kampf aller gegen alle, der ja nirgendwo, ganz beson-
ders aber hierzulande, ein reines Vergnügen ist, hat er sich noch
mit dem Ungewissen herumzuschlagen, muß er ständig vor allerlei
übernatürlichen Dingen auf der Hut sein.
Nach Aussage älterer‘ Leute soll es zwei Arten von Puppen-
theatern geben: solche, deren Figuren an seidenen Schnüren be-
wegt werden, und solche, die der Spieler mit der Hand führt. Nach
Art unseres Kasperltheaters etwa. Auch die Bühne sieht dann ähnlich
aus. .Der betreffende Mann steht in einem rechteckigen Kasten, wo
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