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Volltext: Der Chinese in der Öffentlichkeit und der Familie, wie er sich selbst sieht und schildert

2. FEIER DES GEBURTSTAGS DER KAISERIN -WIT WE. 
AN dem 60. Geburtstage der Kaiserin-Witwe (1894) wurden 
» nicht nur im Palast Gratulationen dargebracht, sondern alle 
Straßen der Hauptstadt waren festlich geschmückt. Um die Glück- 
wünsche darzubringen, wurden sogar in den Straßen Hallen ge- 
baut, in denen für die Kaiserin-Witwe gebetet und gesungen wurde. 
Vor allem aber weilten in der Nähe des Palastes Zivil- und Militär- 
Beamte hohen und niederen Ranges aus den Provinzen, die Ge- 
sandten aus den Tributländern der äußeren und inneren Mongolei, 
Koreas und auch aus Tibet, um bei dem Passieren der Kaiserin- 
Witwe noch einmal ihre Ehrfurcht zu bezeugen, was einen seltenen 
Anblick darbot. Die Übersetzung der Inschrift lautet: »Alles Volk 
aimmt Teil an dem Glück«,„ 
Der Chinese im allgemeinen legt großen Wert auf das feier- 
liche Begehen seines Geburtstags, besonders bei der fünfzigsten, 
sechszigsten usw. Feier desselben. Schon bei hohen Staatsbeamten 
ist es Sitte, daß denselben von allen Leuten, die in irgend einer 
Beziehung zu ihnen stehen, bei der Gelegenheit reiche Geschenke 
dargebracht werden, die vielfach in roten Vorhängen aus Seide 
oder Tuch bestehen, auf denen in Gold oder bunten Farben 
glückaussprechende Worte, symbolische Figuren oder Worträtsel 
glückbedeutenden Inhalts aufgestickt sind. Aber auch kostbarere 
Geschenke werden bei solchen Anlässen von Personen, Distrikten, 
Provinzen und Korporationen überreicht. Beim Kaiser und 
den Kaiserinnen wird selbstverständlich noch größere Pracht und 
Loyalität entwickelt. Bei dieser Gelegenheit hatte indessen die 
Kaiserin-Witwe durch ein Edikt ausdrücklich wegen der politischen 
Lage (d. bh. den Zerwürfnissen mit Japan) alle Geschenke abgelehnt 
und alle kostspieligen Festlichkeiten untersagt. Es mag daher 
hier kurz der Festlichkeiten Erwähnung geschehen, die im Jahre 
1721 in Peking zur Feier des 60. Geburtstages des Kaisers Kang 
hsi stattfanden, an denen sich die 18 Provinzen des Reiches, viele 
ainzelne Städte und Korporationen und staatliche Behörden be- 
teiligten. Es war gewissermaßen eine via triumphalis außerhalb 
der eigentlichen Palastgründe errichtet worden, an beiden Seiten 
von provisorischen Gebäuden eingefaßt, in denen die verschiedenen 
Industrien und Produkte der Gegenden ausgestellt waren, die sich 
an der Feierlichkeit beteiligten. Die Straße war von zahlreichen 
Triumphbögen überspannt und die Baulichkeiten mit unzähligen 
Laternen und Fahnen geschmückt, die vielfach die Inschriften, 
„Langes Leben“, „Zehntausend Jahre“ und „Zehntausend Jahre bis 
zur endlosen Zeit“ trugen, von denen die beiden letzten nur für 
ien Kaiser gebraucht werden dürfen. Von der Ausdehnung der 
Feststraße kann man sich einen Begriff machen, wenn man er- 
ährt, daß 150 Bilder wie die vorliegenden in unmittelbarer Reihen- 
'olge dazu dienten sie darzustellen. Der Kaiser durchzog sie auf 
seinem Tragstuhl von 32 Trägern getragen, dem Vorreiter, Musi- 
santen und Fahnen- und Laternen-Träger zu Fuß und zu Pferde 
voranzogen und dichte Massen von Beamten, Leuten, die Silber 
ınter das Volk warfen, Leibwachen zu Fuß und zu Pferde, und 
zum Schluß die gesattelten Pferde für alle an dem Zuge Beteiligten 
'©olgten. Alle Zuschauer lagen auf den Knien. Nach seiner Rück- 
sehr in den Palast erließ der Kaiser das nachstehende Edikt: „Bei 
ler Rückkehr nach Unserer Hauptstadt haben Wir wahrgenommen, 
jaß ausgedehnte Vorbereitungen in der ganzen Stadt getroffen 
vorden waren, um den 'sechzigsten Jahrestag Unseres Geburts- 
ages zu feiern und Eurem Kaiser langes Leben und Glück zu 
wünschen. Wir fühlen Uns in der Tat ganz überwältigt durch 
solchen großen Beweis von der Liebe und Loyalität Unseres Volks, 
Der erste Gedanke aller Herrscher von Reichen sollte aber die 
Rücksicht auf das Wohl ihrer Untertanen sein und hätten Wir den 
Umfang Eurer Absichten gekannt, so würde es Unsere Pflicht ge- 
vesen sein, solchen kostspieligen Kundgebungen Halt zu gebieten. 
Aber es ist jetzt zu spät Euren loyalen Wünschen entgegenzu- 
reten. Von Sonnenuntergang bis zum Tagesanbruch haben Wir 
iber die Regeln für die Herrscher über die zehntausend Nationen 
ınter dem Himmel nachgedacht. Frieden für das Volk ist Ruhe 
ür uns, Reichtum für das Volk ist Reichtum für Uns. Wenn Wir 
lurch Unsere Gebete dem Lande Regen und Sonnenschein und 
;o dem Volke Überfluß zu verschaffen im Stande sind, können 
Vir in Ruhe essen und schlafen und so kann Schaden von Unserer 
>erson abgewendet und Langlebigkeit gesichert werden. Wir 
streben nicht nach langem Leben durch andere Mittel und erlassen 
etzt Unsere Befehle an alle Teile Unseres Reichs, daß die, die 
ür Unser langes Leben beten, das auch für Regen und Sonnen. 
schein tun. Das Glück der Nation ist Unser erster Gedanke, 
ch bin jetzt ein alter Mann und muß, da ich Meine Gebrechlich- 
zeit fühle, sorgsamer und vorsichtiger in Meinen Handlungen sein, 
Meiner vielen Mängel bin ich mir zu sehr bewußt.“
	        
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