Kapitel IV.
Die ethnologische Betrachtungsweise.
Die ethnologische Betrachtungsweise ist ihrem Wesen
nach vergleichend, wie umgekehrt jede vergleichende Mythologie
eine ethnologische ist, auch wenn die Vergleichung
sich nur über wenige nächstverwandte Völker und Kulturkreise
erstreckt. Je weiter sie ausgreift, um so sicherer
werden ihre Ergebnisse, um so eher wird sie Allgemeingültiges
erkennen.
Das ethnologische Vergleichsmaterial besteht
!. in den Überlieferungen der alten Kulturvölker, der klas-Sischen
Welt sowohl wie von Indien und Iran, Agypten und
Babylonien, mit denen sich die Völkerkunde natürlich ebensogut
zu befassen hat, wie die Philologie und Archäologie.
Sie bilden den historisch, aber nicht kulturgeschichtlich
ältesten Teil. Als Endergebnis einer langen Entwickelungsreihe
liegen diese Traditionen hauptsächlich in dichterischer
oder spekulativ kultischer Überarbeitung vor, enthalten aber
dabei noch zahlreiche Spuren und Bruchstücke des eigentlich
Volkstümlichen.
2. In den Äußerungen des Volksglaubens (Folklore) der
heutigen Kulturvölker. In Märchen, Sage und Brauch haben
sich bei ihnen uralte mythische Anschauungen erhalten, die
neben dem übernommenen kirchlichen Glauben und der
schriftlich fixierten Tradition von jeher lebendig waren und
ihr Dasein unter den mannigfachsten Verhüllungen immer
wieder aufs neue bekunden.
Mytholog. Bibliothek: Ehrenreich.