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fullscreen: Anthropos, 32.1937

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Gertrud Hermes, 
Was besagt dieser anfängliche Mangel an reicherer Ausstattung? Zu 
nächst den klaren und bewußten Gegensatz gegen die Gesinnung der Alt 
bevölkerung. Daß Armut der Anlaß ihrer schlichten Ausstattung der Toten 
war, läßt sich nicht annehmen. Die Schöpfer dieser Bestattungsform ver 
schmähen offenbar den Prunk reicher Beigaben. Auf harte kriegerische 
Sitten läßt die Grabausstattung schließen; zugleich zeugt sie von einer ge 
ringen sozialen Differenzierung» Sie entspricht dem sozialen Charakter eines 
Reitervolkes, das wohl Häuptlinge, aber keine Aristokratie hat, während der 
Kampfwagen eine besitzende Oberschicht voraussetzt. Ein wesentlicher Zug 
der frühindogermanischen Kultur auf europäischem Boden erschließt sich 
damit der Beobachtung. Durchaus anders als die mykenischen Fürstentümer, 
als die indogermanischen Reiche auf asiatischem Boden erscheint die politisch 
soziale Struktur dieser Reitervölker. 
Die Herbheit der ursprünglichen Sitten hat nirgends standgehalten. Überall 
werden im weiteren Verlaufe auch die Brandgräber von der Sitte einer reichen 
Ausstattung erfaßt. Die überkommene bodenständige Gewohnheit der alteuropäi 
schen Bevölkerung war stärker als die schlichten Sitten der eingedrungenen 
Reitervölker. Offenbar erlag auch ihr soziales System sehr schnell den Not 
wendigkeiten eines bodenständigen Volkstums, das anderer politischer In 
stitutionen bedarf als der Häuptlingsverfassung. An vielen Stellen wird die 
Brandsitte ganz verdrängt; ihr Verschwinden oder Beharren, genau im ein 
zelnen beobachtet, kann über die Intensität der indogermanischen Besetzung 
viel aussagen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das frühe Zurückweichen der 
Brandbestattung in Süddeutschland deutet auf eine Reaktion der Alt 
bevölkerung gegen die Eroberer. Sie steht, ethnologisch gesehen, auf derselben 
Ebene wie der sprachliche Wandel, der sich mit der Lautverschiebung zu Be 
ginn des deutschen Mittelalters vollzieht. Beide Erscheinungen beruhen darauf, 
daß eine Altbevölkerung weitgehend ihre Eigenart behauptet hat und eines 
Tages wieder durchsetzt. Eine soziologische Analyse der frühmittelalterlichen 
Gesellschaft Süddeutschlands würde wahrscheinlich das Einströmen von Ele 
menten aus niederen Klassen in die Kulturschicht erkennen lassen. Umgekehrt 
spricht das Beharren der nördlichen Völker Europas in der Brandsitte zweifel 
los für einen endgültigen kulturellen Sieg des Indogermanentums in diesen 
Gegenden. 
Die geistige Revolution, welche der indogermanische Totenglaube über 
den Kontinent brachte, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Von den 
Pyramiden Ägyptens bis zu den großen Hügeln des Nordens war der Kultur 
kreis des Morgen- und Abendlandes beherrscht gewesen von dem Glauben an 
ein derb realistisches Fortleben des Gestorbenen nach dem Tode. Hier aber 
tritt mit einer Schroffheit, die keinen Zweifel erlaubt, eine völlig anders be 
stimmte Ideenwelt in Erscheinung. Rohde hat für Griechenland diese Dinge 
so lichtvoll zu machen gewußt, daß sie damit auch für den übrigen Kontinent 
aus dem Dämmerschein rein archäologischer Betrachtung herausgehoben sind. 
Die ethnischen Konsequenzen konnte Rohde nach dem damaligen Stande der 
Wissenschaft nicht ziehen. Sie sind seither oft gezogen; ihren unmittelbaren 
ethnischen Zusammenhang mit der schlichten Brandbestattung Mecklenburgs
	        
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