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Gertrud Hermes,
Was besagt dieser anfängliche Mangel an reicherer Ausstattung? Zu
nächst den klaren und bewußten Gegensatz gegen die Gesinnung der Alt
bevölkerung. Daß Armut der Anlaß ihrer schlichten Ausstattung der Toten
war, läßt sich nicht annehmen. Die Schöpfer dieser Bestattungsform ver
schmähen offenbar den Prunk reicher Beigaben. Auf harte kriegerische
Sitten läßt die Grabausstattung schließen; zugleich zeugt sie von einer ge
ringen sozialen Differenzierung» Sie entspricht dem sozialen Charakter eines
Reitervolkes, das wohl Häuptlinge, aber keine Aristokratie hat, während der
Kampfwagen eine besitzende Oberschicht voraussetzt. Ein wesentlicher Zug
der frühindogermanischen Kultur auf europäischem Boden erschließt sich
damit der Beobachtung. Durchaus anders als die mykenischen Fürstentümer,
als die indogermanischen Reiche auf asiatischem Boden erscheint die politisch
soziale Struktur dieser Reitervölker.
Die Herbheit der ursprünglichen Sitten hat nirgends standgehalten. Überall
werden im weiteren Verlaufe auch die Brandgräber von der Sitte einer reichen
Ausstattung erfaßt. Die überkommene bodenständige Gewohnheit der alteuropäi
schen Bevölkerung war stärker als die schlichten Sitten der eingedrungenen
Reitervölker. Offenbar erlag auch ihr soziales System sehr schnell den Not
wendigkeiten eines bodenständigen Volkstums, das anderer politischer In
stitutionen bedarf als der Häuptlingsverfassung. An vielen Stellen wird die
Brandsitte ganz verdrängt; ihr Verschwinden oder Beharren, genau im ein
zelnen beobachtet, kann über die Intensität der indogermanischen Besetzung
viel aussagen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das frühe Zurückweichen der
Brandbestattung in Süddeutschland deutet auf eine Reaktion der Alt
bevölkerung gegen die Eroberer. Sie steht, ethnologisch gesehen, auf derselben
Ebene wie der sprachliche Wandel, der sich mit der Lautverschiebung zu Be
ginn des deutschen Mittelalters vollzieht. Beide Erscheinungen beruhen darauf,
daß eine Altbevölkerung weitgehend ihre Eigenart behauptet hat und eines
Tages wieder durchsetzt. Eine soziologische Analyse der frühmittelalterlichen
Gesellschaft Süddeutschlands würde wahrscheinlich das Einströmen von Ele
menten aus niederen Klassen in die Kulturschicht erkennen lassen. Umgekehrt
spricht das Beharren der nördlichen Völker Europas in der Brandsitte zweifel
los für einen endgültigen kulturellen Sieg des Indogermanentums in diesen
Gegenden.
Die geistige Revolution, welche der indogermanische Totenglaube über
den Kontinent brachte, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Von den
Pyramiden Ägyptens bis zu den großen Hügeln des Nordens war der Kultur
kreis des Morgen- und Abendlandes beherrscht gewesen von dem Glauben an
ein derb realistisches Fortleben des Gestorbenen nach dem Tode. Hier aber
tritt mit einer Schroffheit, die keinen Zweifel erlaubt, eine völlig anders be
stimmte Ideenwelt in Erscheinung. Rohde hat für Griechenland diese Dinge
so lichtvoll zu machen gewußt, daß sie damit auch für den übrigen Kontinent
aus dem Dämmerschein rein archäologischer Betrachtung herausgehoben sind.
Die ethnischen Konsequenzen konnte Rohde nach dem damaligen Stande der
Wissenschaft nicht ziehen. Sie sind seither oft gezogen; ihren unmittelbaren
ethnischen Zusammenhang mit der schlichten Brandbestattung Mecklenburgs