Volltext: Rügensche Volkskunde

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Naturereignisse und menschenmordende Epidemieen leben in der rügenschen 
BolkSsage fort. Aber auch Burgwälle und Hünengräber, Kirchen und Schlösser, 
Berge und Seen, uralte Waldbäume und moosbedeckte Felsblöcke sind mit 
dichten Sagenkränzen umwoben. 
Wenn uns die Sagen der ersten Gruppe einen Einblick in die seelischen 
Vorstellungen längst vergangener Zeiten tun lassen, so dienen die Sagen der 
zweiten Gruppe dazu, die heimischen Gefilde zu beleben und Liebe und An 
hänglichkeit zur heimatlichen Scholle zu befestigen. Die Zahl der rügenschen 
Sagen ist eine außerordentlich große; obgleich ich in mehr als dreißigjähriger 
Sammeltätigkeit auf Rügen an 800 Sagen zusammengebracht habe, so mache 
ich doch noch alle Jahre die Erfahrung, daß sich in entlegenen Winkeln der 
Insel immer noch neue wichtige Sagen auffinden lassen. Meine Ausgabe 
der Rügenschen Sagen und Märchen erschien in erster Auflage in Greifswald 
1891, in fünfter Auflage in Stettin 1920; die Schnurren und Schwänke von 
der Insel Rügen erschienen in Greifswald 1899. 
Aus der reichen Fülle des 'mir vorliegenden Sagenmaterials möchte ich 
einige besonders bedeutsame Sagen hervorheben. 
Eine sehr interessante rügensche Sage, die auf der Insel Hiddensee 
lokalisiert ist, ist uns schon aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts 
(bei Saxo Gram. V 238 ff.) überliefert. In der Wikingerzeit lebte der Nor 
mannenkönig Hithin, der sich mit Hilde, der schönen Tochter des Jütenkönigs 
Högin, vermählte. Bald nachher wurde Hithin vor seinem Schwiegervater 
verleumdet, als habe er Hilde vor der Hochzeit verführt, und es kam zum 
Kampf zwischen beiden Königen. Hithin unterlag, wurde aber von dem Sieger 
begnadigt. Sieben Jahre später wurde der Kampf erneuert, und nun fielen 
beide Könige durch gegenseitig beigebrachte Wunden. Hilde aber war von 
so großem Verlangen nach ihrem Gatten erfüllt, daß sie, da sie der Zauberei 
kundig war, zur Nachtzeit die Geister der Getöteten durch Zauberformeln zu 
neuem Leben erweckte, damit sie den Kampf ständig fortsetzten — bis zum 
Untergang der Götterwelt. Dieser Kampf hat auf der Insel Hiddensee statt 
gefunden, und davon hat die Insel ihren Namen bekommen, denn Hiddensee, 
entstanden aus Hithinsö, bedeutet „Insel des Hithin". — Die Sage selbst 
aber war in der Wikingerzeit im ganzen Küstengebiet der Nord- und Ostsee 
weit verbreitet. Bartsch fand sie vor 50 Jahren sogar noch im mecklenburgischen 
Bolksnmnde lebendig. Uns ist sie wohl am bekanntesten aus dem Gudrun- 
liede. Nach dieser Quelle hat der Kampf auf einer Insel der Nordsee statt 
gefunden, während zwei nordische Quellen den Kampf nach einer der Orkney 
inseln verlegen. Hithin begegnet sonst auch als Hedin, Hettel, und Högin ist 
identisch mit Hogne, Hagen. 
Der Wilde Jäger oder Nachtjäger hält zur Herbftzeit und in den 
Zwölften seine nächtlichen Umzüge. Auf einsamen Landstraßen, in öden 
Heiden und wilden Wäldern vernimmt der nächtliche Wanderer plötzlich Pferde 
getrappel, Hundegebell und Peitschenknallen; ein mit gewaltiger Wucht ein 
setzender Sturm biegt die Wipfel der Bäume zur Erde nieder, Krähen und 
Eulen flüchten krächzend und kreischend davon; all der Lärm aber wird über 
tönt durch den Hetz- und Warnruf des Wilden Jägers: 
Tzi hoo, tzi hoo! 
Hallo, hallo! 
Holl den' Middelweg, hott den' Middelweg!
	        
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