Buchbesprechungen.
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Das Buch von Scheel, „Die Wikinger. Aufbruch des Nordens" hat infolge seines vielleicht bewußt
schriftstellerischen Einschlags nicht die innere Festigkeit einer zutiefst wissenschaftlichen Quellenarbeit.
Das am Schluß zusammenfassend gegebene Schrifttumsverzeichnis erseht leider nicht den wissen
schaftlichen Apparat, der dem Buch als Ausgang und Grundlage gedient hat.
Heinrich Harmjanz, Berlin.
Scharf, Joachim: Studien zur Bevölkerungsgeschichte der Rheinlande auf epigraphischer
Grundlage. Berlin, Junker und Dünnhaupt 1938. 174 S. 8 °. (Neue deutsche Forschungen, Abt.
Alte Geschichte, Bd. 185.)
Scharf bringt auf Grund fleißigen Quellenstudiums (am meisten ist der 6 orpu 8 inscriptionum
latinarum, Berlin 1863, benutzt worden) alle erreichbaren Inschriften der Provinzen Gallia, Belgica,
Germania Superior und Inferior aus der Zeit um die Zeitenwende zur Klärung wichtiger bevölkerungs
politischer Fragen. Es ist erstaunlich, wie sich auch aus den Inschriften der bekannte rheinaufwärts-
gehende Germaneneinbruch in keltisches Gebiet zeigt und wie das Eindrücken dieses germanischen Keils
von Osten und Westen her durch Kelten inschriftlich wiederum sichtbar wird. Der Kampf Kelten-
Germanen ist für uns völkisch gesehen wichtiger als die ständigen Untersuchungen über den römischen
Kulturüberzug. — Die Arbeit ist deshalb zu begrüßen; das Fehlen von Karten ist zu bedauern.
Heinrich Harmjanz, Berlin.
Netzle, Hans: Das Süddeutsche Wander-Marionettentheater. München, Neuer Filser Verlag
1938. 169 S. 52 Abb. 8 °. (Beiträge zur Volkstumsforschung. Hrsg, von der bayerischen Landesstelle
für Volkskunde, Bd. 2 .)
Die vorliegende Arbeit setzt sich das Ziel „das lebendige sPuppen-f Spiel mit all seinen Reizen
an Bewegung, Sprache und Stegreifwitz", aber auch „die Lebensformen der Puppenspieler, ihre
Spielregeln, Wanderzüge und die sonstigen Eigenheiten ihres Lebens und Wirkens" (S. 6 ) zu unter
suchen. Damit ist deutlich eine Zweiteilung des Inhalts gegeben, die auch im Aufbau des Buches
zum Ausdruck kommt.
Im 1. Teil der Arbeit werden die geschichtlichen Grundlagen dieser allmählich verklingenden
Form darstellender Volkskunst behandelt. Dieser geschichtliche Teil vermittelt einen umfassenden
Überblick über die Wurzeln des Marionettentheaters, die auf den verschiedensten Gebieten der Volks
kunst und der Literatur gefunden werden. Sie liegen einerseits im Gauklertum, andererseits im geist
lichen Theater, im Wanderschauspiel des Barock, in den Räuber- und Ritterschauspielen des ausgehenden
18. Jahrhunderts, sowie in der Wiener Volkskomödie. Und je nachdem sich das Marionettentheater
stärker der Führung des einen oder anderen überläßt, ist auch die Art und Weise der Darstellung und
der Gehalt der Stücke verschieden.
Aber nicht nur die Abhängigkeit von literarischen Zeit- und Modeformen bestimmt das Wesen
des Marionettentheaters. Vor allem sind es die, seinen Charakter als Spiel mit an Fäden hängenden
Puppen bestimmenden Gesetze, die seine Besonderheit ausmachen und den übernommenen Tert
den Erfordernissen dieser Spielform anpassen. So ergeben sich Terte, die leicht wandelbar und dem
„Stegreifwitz" — besonders durch die Person des Kasperls — mühelos zugänglich sind. Daher ist auch
der 2 . Teil des Buches, der die besonderen Lebensformen des Marionettentheaters und der mit ihm
verbundenen Menschen behandelt, wertvoller und ergiebiger als der erste. Die einzelnen Abschnitte
behandeln: den Betrieb, die Musik, die Bühne, die Spiele und den Kasperl. Dabei fällt die völlige
Selbständigkeit der Betriebsführung auf, d. h. die Herstellung der Figuren, vor allem das Schnitzen
der Köpfe, die Anfertigung der Kostüme und der Bühnendekorationen liegt in den Händen der Puppen
spieler und ihrer mitziehenden Familienmitglieder. Bei der vielfach zu beobachtenden Vererbung
der Puppenspielkunst vom Vater auf den Sohn — vgl. dazu die beigegebene Sippentafel der Puppen
spielerfamilie Lehner (S. 66 ) — haben sich oft recht alte Stücke an Texten und Figuren erhalten.
(Ähnlich berichtet Commenda in seinem Aufsatz „Die Eebrauchsschriften der alten Landlageiger", in
diesem Heft S. 182, von einzelnen Volksmusikerfamilien, die sich hundert und mehr Jahre zurück
verfolgen lassen.) Diese wiederholt beobachtete Bindung an ganze Geschlechterfolgen einzelner Fa
milien stellt einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Erkenntnis der Wesensgesetze des Volkskunst
schaffens dar.
Zeitschrift für Volkskunde X, 2.
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