5. UNREIFE GESELLSCHAFT UND PRIMARE LIEBz
5.1 Die Suche nach der harmonischen Verschmelzung
Die Übertragung individualpsychologischer und psychoanalytischer
Kategorien, die in Raeithels Psychogramm eines amerikanischen
Charakters noch von einer individualisierenden Argumentationsbasis
geführt wurde, auf gesellschaftliche Phánomene
ist trotz aller Umstrittenheit das Feld, auf dem sich die anthropologischen
und die psychologischen Wissenschaften in einem
durchaus wechselseitigen AustauschprozeB begegnen. Wenn ich
Gesellschaft als sinnstiftende und sinnvermittelnde Instanz des
objektiven Sinns betrachte, der intersubjektiven Wahrheitscharakter
haben und dem Einzelnen subjektiv gemeinten Sinn ermóglichen
muß, wenn ich weiterhin von dem Bedürfnis nach einem
Identität gewährenden Vertrauen in den Haushalt und Ursprung
des Lebens ausgehe, dann kann ich bei einem Verlust des Vertrauens,
bei einem Auseinanderbrechen von objektivem und subjektivem
Sinn, von einer Sinnkrise als gesellschaftlicher, das heißt
struktureller, Grundstörung sprechen, die sich dem Einzelnen als
psychosoziale Grundstörung vermittelt. Ich behaupte, daß der
Moloch Moderne eine solche strukturelle Grundstörung darstellt,
und möchte fragen, ob die daraus erwachsenden psychosozialen
Grundstörungen objektschwaches oder objektstarkes narzißtisches
Handeln bewirken. Wenden wir uns deshalb noch einmal
Balint zu. Balint gcht von einer Grundbeziehung, als Zweierbeziehung
bezeichnet, des Menschen zu seiner Umwelt aus, die er primäre
Liebe nennt. Sie ist in ihrer reinen Form nur in der Beziehung
des Fôtus zu seiner Umwelt gegeben, aber Ziel allen menschlichen
Strebens ist es nach Balint, die allumfassende Harmonie primärer
Liebe zu erneuern. Diese Umwelt beschreibt Balint als undifferenziert,
objektlos, als Ursubstanz oder als unstrukturierten Ozean.
Umwelt und Individuum durchdringen sich gegenseitig, sie existieren
in einer ‘harmonischen Verschrünkung' ... Es gibt keine C'yekte in
dieser Welt, nur Substanz und Raum ohne Grenzen. Die Geburt ist
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