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Objekt: Zeitschrift für Ethnologie, 45.1913

Anna Bernhardi: 
Auf einem dritten Schulterblatt findet sich ein Stammbaum. Das 
Stück war am Rande, wo auch das Scehulterblatt eine gewisse Dicke hat, 
auf der Rückseite im der üblichen Weise bearbeitet und zum Wahrsagen 
benutzt; das Ergebnis des Orakels ist am Hande der Vorderseite mit 
kleiner Schrift eingegraben. Die Zeichen, die den Stammbaum bilden, 
sind wesentlich grosser und schoner. 
Bei einem Versuch, die Namenszeichen zu erklàáren, bleiben wir auf 
Vermutungen angewiesen, so lange es an Vergleichsmaterial aus etwas 
spüterer Zeit fehlt. 
Die nieht — oder besser: jetzt noch nieht enizifferbaren zusammen- 
hängenden Texte auf anderen Schulterbláttern werden vermutlich einen 
reicheren Inhalt bieten. 
Die Róhrenknochen und andere kleine Stücke, auch die vom Schild- 
krótenpanzer, enthalten nur Notizen des Wahrsagers über die Inanspruch- 
nahme des Orakels. 
Für die Entstehung der Knochen, wie sie hier vor uns liegen, möchte 
ich durchaus der chinesischen Überlieferung, soweit es eine solche gibt, 
folgen. Sie sind zuerst auf der Rückseite geschabt und ausgebohrt 
worden; dann hat man sie mit einer Farbschicht bedeckt, und die beim 
Brennen in der Farbe entstandenen Risse wurden als Antwort auf die an 
das Orakel gerichtete Frage verstanden. Verstanden — nicht gelesen! 
Denn an Schriftzeichen brauchten diese Risse nicht zu erinnern, das geht 
aus der Stelle im Djou-Li hervor, die Couvreur unter T'ehao-Omen, Rad. 
10, 4 bringt. 
War der Fragesteller mit seiner Antwort gegangen, so wurde der 
Knochen gereinigt und eine Eintragung über die Frage und deren Ergebnis 
gemacht. Wenn das auf einem guten grossen Kmnochenstück geschehen 
war, so behielt es der Wahrsager fiir sich, um Wichtiges darauf zu schreiben, 
um einen Kalender oder eine Schreibvorlage zu machen. Die geringeren 
Stücke aber überliess er seinen Schülern zu Sehreibübungen. Nur dadurch 
ist das Durcheinander der vielen Wiederholungen von Zeichen und Sätzen 
zu erklären. In Lo Schöng-jüs Sammlung befindet sich ein Schildkröten- 
stück, auf dem dasselbe Zeichen 10 Mal steht. 
Haben wir nun inhaltlich keine grosse Ausbeute an überraschenden 
Nachrichten machen können, so geben uns die Knochenfunde doch eine 
lebendigere Vorstellung von der Kultur jener Zeit, als wir sie vorher 
haben konnten. Da ist der Gross-Wahrsager, dessen Titel „Schlangen- 
vater“ darauf deutet, dass er in Verbindung mit dem jetzt fast ganz er- 
loschenen Schlangenkult stand. Er ist ein priesterlicher Mann, der durch 
sein Orakel Volk und Fürsten lenkt. Er ist zugleich eine Art Herolds- 
meister, von dem Kenntnis der Stammbáume verlangt wird. Er bewahrt 
und entwickelt die Kunst des Schreibens, die vermutlich seine Vorgänger 
erfunden hatten, und er lehrt sie. 
Die Schrift auf diesen alten Knochenstücken wird vielleicht vo» 
grüsserem Interesse für die Wissenschaft sein, als ihr Inhalt. Von den 
Chinesen wird die Erfindung der Schrift — wie überhaupt aller Anfang 
ihrer Kultur —- auf den Kaiser Fu-Hi zurückgeführt. Er habe die acht 
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