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Buchbesprechungen
Von weiteren exakten Recherchen ist also sicher noch manches zu erwarten — nur sollte
man vor allzu hohen Erwartungen sich hüten. Denn zum einen läßt sich die eigentliche,
die moralische Frage nicht aus Aktenbüscheln klären; das ist eine Frage der Urteilsbildung,
der Parteinahme und ihrer Wertgrundlagen ;das zeigen fast alle Beiträge des Buches. Zum
anderen setzen schon bedrohliche Verkrustungen ein, lassen sich Interpretationsklischees
und -klischierungen beobachten: was soll das hohle Gerede von der „Verstrickung“, was
bringt uns der scheinbar kluge, in Wirklichkeit aber banale und ablenkende Satz vom
„Kampf aller gegen alle“? Drittens aber droht das Material sich von rationalem und morali
schem Augenmaß zu emanzipieren, beginnt zum Selbstläufer zu werden mit „Verschie
bungen“, wenn Parteiabzeichen oder Traditionen bei Stellenbesetzungen in den Rang
historischer Beweise und vernichtender Urteile erhoben werden. Hier geht es dann in der
Tat um die Frage der Relevanz, auf die Helge Gerndt'm seinem Einleitungsbeitrag hingewie
sen hat (S. 16).
Das könnte mißverständlich klingen — so als ginge es um den Versuch der „Revision des
Geschichtsbildes“, wie er von manchen auf fatale Weise in der sogenannten „Historiker
debatte“ unternommen wird (Dieter Kramer, S. 103, hat daraufhingewiesen mit Querver
weis auf Fachkollegen). Doch nicht Herunterspielen und Verdrängen des Hitlerismus ist
angezeigt — das geschieht durch isolierte Betrachtung und fragwürdige punktuelle „Ver
gleiche“. Vielmehr ist es die Verortung des Nationalsozialismus in der Geschichte einer
ganz speziellen spätkapitalistischen Gesellschaft, die im Münchner Tagungsband so ein
drücklich herausgearbeitet wird — einmal in Hermann Strobachs „Anmerkungen zum
Thema Volkskunde und Faschismus (vor und um 1933)“ unter Christa Wolfs Frage
„... aber wann beginnt der Vorkrieg?“, zum anderen in den Hinweisen auf die Nachkriegs
volkskunde und ihre Probleme mit dem Nationalsozialismus (z.B. Helge Gerndt, S. 13;
Hermann Bausinger, S. 141, mit der wohl besonders fruchtbaren Anregung, die „Aus
einandersetzungen im Umkreis von Würzburg [1967], Detmold [1969] und Falkenstein
[1970]“ „in gewisserWeise“ als „eine Spätfolge des Nationalsozialismus“ ins Auge zu fas
sen), drittens aber und am deutlichsten, weil die Verhältnisse in den Westzonen und der
Bundesrepublik indirekt, aber dennoch konzentrisch spiegelnd, wohl in Wolfgang Jaco-
beits unspektakulär betiteltem Beitrag zum „Nachkrieg“: „Die Auseinandersetzung mit
der NS-Zeit in der DDR-Volkskunde“.
Man hat — etwa in der Schlußdiskussion — mit Recht davor gewarnt, Erscheinungen des
Nationalsozialismus und unserer Gegenwartsgesellschaft vorschnell und platt zu paralleli-
sieren. Wenn man aber Wolfgang Emmerichs Abstraktum aus der NS-Geschichte (hier
speziell: aus der Arbeit, Leistung und Einstellung/o/w Meiers) an die Gegenwart heranträgt,
sieht es schon ganz anders aus: „was ist das Werk — die Wissenschaft — der wir uns wei
hen?“ (S. 108). Ich denke, daß dies der springende Punkt ist; ich werde den Eindruck nicht
los, daß wir die Relevanz-Diskussion zum falschen Zeitpunkt geführt haben (nämlich
1967/70) — was nicht schlimm wäre, wenn wir darob nicht so „realistisch“ und müde
geworden wären. Unser Umgang mit dem Nationalsozialismus kann uns angesichts der
drängenden Tagesfragen zu einem neuen Umgang mit Wissenschaft begleiten, in dem die
abgegriffenen Worte „Relevanz“ und „gesellschaftliche Verantwortung“ neuen Sinn bekä
men.
Wolfgang Jacobeit hat am Schluß, John Meier und Wolfgang Steinitz je auf ihre gesell
schaftliche Realität fixierend und so vergleichend unterscheidend, einen Notizzettel Stei
nitz’ zitiert: „Volkskundler sollen helfen beim Aufbau einer neuen demokr. Kultur des
deut. Volkes. Nicht konservieren Aberglauben, Kulaken, Sagen, Mystisches.“ (S. 314).