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Dr. F. Tetzner: Die Kuren in Ostpreufsen.
bar wird. Das Festlegen der Wanderdünen auf der
ganzen Nehrung, besonders bei Pilikoppen und Schwarz
ort, wird ja dem Landbau bedeutenden Voi’schub leisten.
Schwarzort und Rossitten haben überdies in ihren
Wäldern und Waldwiesen weit eher günstige Vorbedin
gungen als Nidden, Preil und Perwelk. Dies Kirchspiel
weist z. B. in ganz Preil und Perwelk an Bäumen nur
einige Obstbäume in Perwelk im Garten von Fr. Bastickis
auf. Auch der Wieswachs ist hier äufserst gering und
beschränkt sich in Preil auf drei Besitzer. Im Sommer
nehmen die Preiler, um Milch zu haben, von Winden
burg und Kinten Kühe auf Ausfütterung. Aber wer
seine Kuh auf die äufserst magere fiskalische Dammweide
in Preil schickt, wo sie der Milch wegen im Sommer
„in Pension“ weilt, mufs 1,5 Mk. an die Dünenbaukasse
im Voraus zahlen. Eine Kuh giebt hier täglich 1 bis 2 1
Milch. Man findet an Küchengemüsen fast gar nichts
im kurischen Gebiet; Weifskohl, Mohrrüben und Wrucken
holt man vom Markte. Auch die Zahl der Blumen und
Ziersträucher ist gering, in Meineragen giebt es Flieder
und Georginen. Auf den Äckern baut man hier Kar
toffeln, Roggen, Hafer, Gerste; als Dung benutzt man
Seetang. Die Ernten sind spärlich. Jedes Haus hat
sein ärmliches Gärtchen, als Obstbäume sind daselbst
hervorzuheben: Sauerkirschen, Pflaumen, Birnen, Äpfel,
Stachelbeeren. An Gartenpflege fehlt es, doch hat man
der Schule einen mit Kiefern und Bretterzaun umgebe
nen, 13 X 20 m grofsen Garten beschieden, den Sand
weggeschafft und durch Lehm ersetzt, 12 Obstbäume
zieren ihn.
Der immer deutscher werdende Badeort Schwarzort
bietet aber im Sommer alles, was das Festland hat.
Am Strande und bei Schwarzort treten neben Nadel
bäumen besonders die Weide (witulis) auf, die als
Schutz gegen den Sand überall gepflanzt war, aufserdem
Birke (berse), Erle (alksne), Espe (apse). Getreidefelder
fehlen, Kartoffelfurchen sind selten vorhanden. Von
Haustieren sehen wir: Pferd, Kuh, Schwein, Schaf,
Hund, Katze, Huhn. Preil besitzt beispielsweise zwei
Pferde, sechs Kühe und einige Schweine; im Winter
erhöht sich der Eisfischerei wegen die Zahl der Pferde
auf sechs. Bommelsvitte hat 9 Rinder, 15 Pferde, 468
Schweine, 6 Ziegen, 769 Hühner. Jede Gemeinde hat
ihren Hirten. So treibt der Preiler den ganzen Sommer
durch frühzeitig das sämtliche Gemeindevieh auf die
Weide und bringt es abends zurück. Er erhält 60 Mk.
Jahreslohn und reihum bei den Viehbesitzern Kost und
Schlafstelle. Ihn kennzeichnet keine Trübe, sondern nur
Schäferstock und Brotbeutel, Brot und Fisch für Mittag
und Vesper enthaltend.
II. Krähen fang. „Wenn Giltine Wald und Ge
sträuch entblätterte, wenn im Geäst statt Vogelgesang
das Knarren der dürren Äste zu hören ist, wenn das
Elch entflohen und der Habicht seinen Raub eingestellt
hat, wenn der Herbst begann und sämtliche Freuden
erstarben, dann preisen nur noch die Krähen des greu
lichen Herbstes Freuden.“ So etwa singt Donalitius in
seinem „Herbst“ von Ostpreufsen, dem Lande der
Krähen. Warninken, Warninkehmen und zahlreiche
andere Orte haben ihren Namen von den unzähligen
Krähen erhalten, die Ostpreufsen bevölkern. Schon alte
Schriftsteller gedenken des schwunghaft betriebenen
Krähenfanges, von dem uns Donalitius ein hübsches, auf
Tolminkemen bezügliches Bild liefert. Dotschys, der
Erzlump, hatte einem tölpelhaften russischen Knechte,
Durrak die Flinte gegeben, damit er ein Dutzend edler
Krähenbraten erhalte. Durrak schofs so dumm, dafs
die Scheune in Brand geriet und er sich selbst ver
wundete. Da kam der Amtsrat zufällig, liefs den Dot
schys in Eisenketten legen, auf dem Schlitten ins
Gefängnis fahren und in fünf Tagen vor zahlreichen
Zeugen gegen ihn verhandeln. Dotschys stellte sich er
bärmlich und seufzte; als aber die Zeugen gegen ihn
aussagen, stemmte er die Hände in die Hüften:
„Was denn kümmert es euch“, so sprach er, „ihr gnädigen
Richter,
Dafs ich, wenn mich einmal nach Krähenbraten verlanget,
Mir zu dem Mittagsmahl ein Paar der Bestien schiefse?
Hat der König nicht selbst sie auszurotten geboten?
Unter den Litauern giebt’s gar viele sehr protzige Bauern,
Viele der Knechte sogar, die solcherlei Speise verachten,
Aber mir ist’s ganz gleich, hab’ ich nur Fleisch auf der
Schüssel.
Wollet ihr einem Armen, wie mir, solch Bissen nicht
gönnen ?
Ist’s nicht genug, dafs ich euch abliefre die Füfse der
Krähen,
Und wie dem Bauer Pflicht, von 12 gefangenen Spatzen
Jährlich schleunigst die abgedrehten Köpfe euch bringe? —
Habt ihr Herren uns ja doch schon so von allem entblöfset,
Dafs uns hinfort zum Essen nur bleiben noch Ratten und
Eulen.“
(Donalitius, Winter, 342 ff., übersetzt von Passarge.)
Zahlreiche Kanzelermahnungen gegen das Krähen-
schiefsen wurden nur der Feuersgefahr wegen erlassen,
der Krähenfang ward gern gesehen. Die Preiler sind
beim Krähenfang äufserst fleifsig. Sie fangen im Herbst
oft an einem Tage je 150 Stück. Ein viereckiges Netz
führt mit langer Leine zu einer etwa 20 m entfernten
Strohbude, die gerade so grofs ist, dafs sich ein Mensch
darin verbergen kann. Das äulserste Netzende ist durch
einen Pflock festgemacht und an der Erde befestigt. Am
Netze liegen Stinte als Lockspeise, und ein lebender
Rabe ist als Lockvogel angebunden. Wenn man keinen
hat, bedient man sich eines schwarzen Huhnes. Sind
eine oder mehrere Krähen an den Stinten, so zieht der
Fänger die Leine so derb an, dafs die Gefangenen nicht
unter dem Netze hervorkönnen. Dann beifsen die einen
den Krähen den Kopf ab, die anderen bedienen sich
zur Tötung einer Zange oder eines spitzen Messers. Zu
Hause rupft man die Federn ab, die zum Stopfen der
Betten verwendet werden. Das Fleisch wird gekocht
und gegessen, der Vorrat wird in einem Pökelfals für
den Winter eingesalzen. Die Nehrunger werden von
den Litauern an der anderen Seite des Haffs scherzhaft
Krähenbeifsei*, jene von diesen Kaulbarschpelze genannt
III. Fischfang. Kein Volk ist mit solcher Zähigkeit,
mit solchem freudigen Fatalismus Fischer als die Kuren;
nur ganz selten geht aus ihnen ein Strandbedienter oder
ein Gastwirt, nie ein Handwerker, nie ein Gelehrter
hervor. Und wenn ihnen die See die Hütte wegspült
oder der Sand ihr Häuschen zuschüttet, wenn der Fisch
reichtum immer kärger wird und drückender die Steuern:
der Kure bleibt, was er ist, mögen sich bessere Stel
lungen oder lohnender Verdienst bieten. Er wird, wie
Beispiele beweisen, unglücklich in einem anderen Ver
hältnis, er verliert Ruhe und Sicherheit und kehrt ruhig
zu seinem jahraus jahrein gleich einförmigen Fischer
handwerke zurück. So rauh und derb die Arbeit ist,
so willig thut sie der Kure gleich dem Slowinzen von
früher Jugend an zu jeder Jahreszeit bis in die fünfziger
Jahre hinein. Dann tritt er den Schauplatz seiner Thä-
tigkeit seinen Kindern und Schwiegersöhnen ab. Er
thut dies aus altem Gebrauch so früh aus wirtschaft
lichen Gründen; nur zeitige Heirat der Kinder und zei
tige Selbständigkeit in bester Manneskraft sichern die
Erhaltung des geringwertigen Eigentumes und die Be
gründung eines möglichst reichlichen Familienstandes,
der sich bei allen Arbeiten nützlich erweisen mufs. Die
Alten werden wie am Lebasee Altsitzer; sie stricken
Netze und richten mit den Frauen und Kindern die zer