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Volltext: Globus, 75.1899

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Dr. F. Tetzner: Die Kuren in Ostpreufsen. 
bar wird. Das Festlegen der Wanderdünen auf der 
ganzen Nehrung, besonders bei Pilikoppen und Schwarz 
ort, wird ja dem Landbau bedeutenden Voi’schub leisten. 
Schwarzort und Rossitten haben überdies in ihren 
Wäldern und Waldwiesen weit eher günstige Vorbedin 
gungen als Nidden, Preil und Perwelk. Dies Kirchspiel 
weist z. B. in ganz Preil und Perwelk an Bäumen nur 
einige Obstbäume in Perwelk im Garten von Fr. Bastickis 
auf. Auch der Wieswachs ist hier äufserst gering und 
beschränkt sich in Preil auf drei Besitzer. Im Sommer 
nehmen die Preiler, um Milch zu haben, von Winden 
burg und Kinten Kühe auf Ausfütterung. Aber wer 
seine Kuh auf die äufserst magere fiskalische Dammweide 
in Preil schickt, wo sie der Milch wegen im Sommer 
„in Pension“ weilt, mufs 1,5 Mk. an die Dünenbaukasse 
im Voraus zahlen. Eine Kuh giebt hier täglich 1 bis 2 1 
Milch. Man findet an Küchengemüsen fast gar nichts 
im kurischen Gebiet; Weifskohl, Mohrrüben und Wrucken 
holt man vom Markte. Auch die Zahl der Blumen und 
Ziersträucher ist gering, in Meineragen giebt es Flieder 
und Georginen. Auf den Äckern baut man hier Kar 
toffeln, Roggen, Hafer, Gerste; als Dung benutzt man 
Seetang. Die Ernten sind spärlich. Jedes Haus hat 
sein ärmliches Gärtchen, als Obstbäume sind daselbst 
hervorzuheben: Sauerkirschen, Pflaumen, Birnen, Äpfel, 
Stachelbeeren. An Gartenpflege fehlt es, doch hat man 
der Schule einen mit Kiefern und Bretterzaun umgebe 
nen, 13 X 20 m grofsen Garten beschieden, den Sand 
weggeschafft und durch Lehm ersetzt, 12 Obstbäume 
zieren ihn. 
Der immer deutscher werdende Badeort Schwarzort 
bietet aber im Sommer alles, was das Festland hat. 
Am Strande und bei Schwarzort treten neben Nadel 
bäumen besonders die Weide (witulis) auf, die als 
Schutz gegen den Sand überall gepflanzt war, aufserdem 
Birke (berse), Erle (alksne), Espe (apse). Getreidefelder 
fehlen, Kartoffelfurchen sind selten vorhanden. Von 
Haustieren sehen wir: Pferd, Kuh, Schwein, Schaf, 
Hund, Katze, Huhn. Preil besitzt beispielsweise zwei 
Pferde, sechs Kühe und einige Schweine; im Winter 
erhöht sich der Eisfischerei wegen die Zahl der Pferde 
auf sechs. Bommelsvitte hat 9 Rinder, 15 Pferde, 468 
Schweine, 6 Ziegen, 769 Hühner. Jede Gemeinde hat 
ihren Hirten. So treibt der Preiler den ganzen Sommer 
durch frühzeitig das sämtliche Gemeindevieh auf die 
Weide und bringt es abends zurück. Er erhält 60 Mk. 
Jahreslohn und reihum bei den Viehbesitzern Kost und 
Schlafstelle. Ihn kennzeichnet keine Trübe, sondern nur 
Schäferstock und Brotbeutel, Brot und Fisch für Mittag 
und Vesper enthaltend. 
II. Krähen fang. „Wenn Giltine Wald und Ge 
sträuch entblätterte, wenn im Geäst statt Vogelgesang 
das Knarren der dürren Äste zu hören ist, wenn das 
Elch entflohen und der Habicht seinen Raub eingestellt 
hat, wenn der Herbst begann und sämtliche Freuden 
erstarben, dann preisen nur noch die Krähen des greu 
lichen Herbstes Freuden.“ So etwa singt Donalitius in 
seinem „Herbst“ von Ostpreufsen, dem Lande der 
Krähen. Warninken, Warninkehmen und zahlreiche 
andere Orte haben ihren Namen von den unzähligen 
Krähen erhalten, die Ostpreufsen bevölkern. Schon alte 
Schriftsteller gedenken des schwunghaft betriebenen 
Krähenfanges, von dem uns Donalitius ein hübsches, auf 
Tolminkemen bezügliches Bild liefert. Dotschys, der 
Erzlump, hatte einem tölpelhaften russischen Knechte, 
Durrak die Flinte gegeben, damit er ein Dutzend edler 
Krähenbraten erhalte. Durrak schofs so dumm, dafs 
die Scheune in Brand geriet und er sich selbst ver 
wundete. Da kam der Amtsrat zufällig, liefs den Dot 
schys in Eisenketten legen, auf dem Schlitten ins 
Gefängnis fahren und in fünf Tagen vor zahlreichen 
Zeugen gegen ihn verhandeln. Dotschys stellte sich er 
bärmlich und seufzte; als aber die Zeugen gegen ihn 
aussagen, stemmte er die Hände in die Hüften: 
„Was denn kümmert es euch“, so sprach er, „ihr gnädigen 
Richter, 
Dafs ich, wenn mich einmal nach Krähenbraten verlanget, 
Mir zu dem Mittagsmahl ein Paar der Bestien schiefse? 
Hat der König nicht selbst sie auszurotten geboten? 
Unter den Litauern giebt’s gar viele sehr protzige Bauern, 
Viele der Knechte sogar, die solcherlei Speise verachten, 
Aber mir ist’s ganz gleich, hab’ ich nur Fleisch auf der 
Schüssel. 
Wollet ihr einem Armen, wie mir, solch Bissen nicht 
gönnen ? 
Ist’s nicht genug, dafs ich euch abliefre die Füfse der 
Krähen, 
Und wie dem Bauer Pflicht, von 12 gefangenen Spatzen 
Jährlich schleunigst die abgedrehten Köpfe euch bringe? — 
Habt ihr Herren uns ja doch schon so von allem entblöfset, 
Dafs uns hinfort zum Essen nur bleiben noch Ratten und 
Eulen.“ 
(Donalitius, Winter, 342 ff., übersetzt von Passarge.) 
Zahlreiche Kanzelermahnungen gegen das Krähen- 
schiefsen wurden nur der Feuersgefahr wegen erlassen, 
der Krähenfang ward gern gesehen. Die Preiler sind 
beim Krähenfang äufserst fleifsig. Sie fangen im Herbst 
oft an einem Tage je 150 Stück. Ein viereckiges Netz 
führt mit langer Leine zu einer etwa 20 m entfernten 
Strohbude, die gerade so grofs ist, dafs sich ein Mensch 
darin verbergen kann. Das äulserste Netzende ist durch 
einen Pflock festgemacht und an der Erde befestigt. Am 
Netze liegen Stinte als Lockspeise, und ein lebender 
Rabe ist als Lockvogel angebunden. Wenn man keinen 
hat, bedient man sich eines schwarzen Huhnes. Sind 
eine oder mehrere Krähen an den Stinten, so zieht der 
Fänger die Leine so derb an, dafs die Gefangenen nicht 
unter dem Netze hervorkönnen. Dann beifsen die einen 
den Krähen den Kopf ab, die anderen bedienen sich 
zur Tötung einer Zange oder eines spitzen Messers. Zu 
Hause rupft man die Federn ab, die zum Stopfen der 
Betten verwendet werden. Das Fleisch wird gekocht 
und gegessen, der Vorrat wird in einem Pökelfals für 
den Winter eingesalzen. Die Nehrunger werden von 
den Litauern an der anderen Seite des Haffs scherzhaft 
Krähenbeifsei*, jene von diesen Kaulbarschpelze genannt 
III. Fischfang. Kein Volk ist mit solcher Zähigkeit, 
mit solchem freudigen Fatalismus Fischer als die Kuren; 
nur ganz selten geht aus ihnen ein Strandbedienter oder 
ein Gastwirt, nie ein Handwerker, nie ein Gelehrter 
hervor. Und wenn ihnen die See die Hütte wegspült 
oder der Sand ihr Häuschen zuschüttet, wenn der Fisch 
reichtum immer kärger wird und drückender die Steuern: 
der Kure bleibt, was er ist, mögen sich bessere Stel 
lungen oder lohnender Verdienst bieten. Er wird, wie 
Beispiele beweisen, unglücklich in einem anderen Ver 
hältnis, er verliert Ruhe und Sicherheit und kehrt ruhig 
zu seinem jahraus jahrein gleich einförmigen Fischer 
handwerke zurück. So rauh und derb die Arbeit ist, 
so willig thut sie der Kure gleich dem Slowinzen von 
früher Jugend an zu jeder Jahreszeit bis in die fünfziger 
Jahre hinein. Dann tritt er den Schauplatz seiner Thä- 
tigkeit seinen Kindern und Schwiegersöhnen ab. Er 
thut dies aus altem Gebrauch so früh aus wirtschaft 
lichen Gründen; nur zeitige Heirat der Kinder und zei 
tige Selbständigkeit in bester Manneskraft sichern die 
Erhaltung des geringwertigen Eigentumes und die Be 
gründung eines möglichst reichlichen Familienstandes, 
der sich bei allen Arbeiten nützlich erweisen mufs. Die 
Alten werden wie am Lebasee Altsitzer; sie stricken 
Netze und richten mit den Frauen und Kindern die zer
	        
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