Buchbesprechungen
Volkskunde, 71. Jahrgang 1, 1975
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litationsschrift „Die Entdeckung der unteren Volksschichten durch die russische
Literatur“ (Bespr. in dieser Zeitschrift 69, 1973, S. 248 f.).
Donskovs Arbeit über die Darstellung der Landbevölkerung im russischen
Drama des 19. Jahrhunderts scheint dem Titel nach in diesen Umkreis zu ge
hören. Jedoch machen folgende Punkte den Rezensenten ärgerlich:
1. die Auswahl des Dramas als Ausgangsmaterial. Anstöße zur Diskussion
über das Bild der Landbevölkerung gingen in der russischen Literatur dieser
Zeit überwiegend von der erzählenden Prosa aus. Erinnert sei hier an Radi-
scevs „Reise von Petersburg nach Moskau“ (1790) und Karamzins Novelle
»Die arme Lisa“ (1792), die für den russischen Sentimentalismus das Bild vom
Landleben prägten. Auch im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts sind Thea
terstücke über dieses Thema meist nur Reflexe auf Prosadarstellungen und
theoretische Abhandlungen.
2. die willkürliche Auswahl der Texte. Beginnend mit den Komödien und
Komischen Opern des 18. Jahrhunderts, werden punktuell Theaterstücke als
Material ausgebeutet, die bis zum Jahre 1905 erschienen — sie müssen nur Land
bevölkerung als handelnde Personen besitzen.
3. die einseitige Benutzung von Sekundärliteratur. Der Verf. zitiert (wegen
fehlender Sprachkenntnisse?) nur Russisch- bzw. Englischsprachiges.
Durch die Vernachlässigung des sozialhistorischen Kontextes sind die Ergeb
nisse Donskovs nur als werkimmanente Textinterpretationen zu verstehen. Wo
zu eine solche Forschungsmethode führen kann, sei anhand eines Beispiels dar
gestellt: Auf den Seiten 186 und 187 findet sich eine Tabelle der „Einstellun
gen und Beziehungen der Landbevölkerung im Bezug auf soziale Typen, Klas
sen und moralische Fragen“. Die Einstellung des russischen Bauers zur Religion
wäre danach in Dramen von 1764-1790 „pious“, von 1790-1805 „extremely
pious“, bis 1854 „pious“, 1854-1861 „very pious“, dann variierend bis 1905
zwischen „highly respectful“, „extremely pious“ und „indifferent“.
Frankfurt a. M. Rainer Alsheimer
Volker Hartmann, Die deutsche Kulturgeschichtsschreibung von ihren Anfän
gen bis Wilhelm Heinrich Riehl (Diss.). Marburg/Lahn 1971. 172 S.
Nicht zuletzt angesichts der Intensität, mit der innerhalb der Geschichts
wissenschaft über die Rückschau auf die Historiographie der Vergangenheit die
aktuellen Aufgaben neu formuliert werden, verdient die vorliegende, bedauer
licherweise nicht über den Buchhandel erreichbare Dissertation von V. Hart-
mann Aufmerksamkeit. Sie nimmt sich mit der Darstellung der Kulturge
schichtsschreibung der Zeit von ca. 1770 bis 1860 eines Themas an, das lange
nicht oder nur sehr selektiv bearbeitet worden ist; das bestehende Defizit konnte
durch den vor einigen Jahren veröffentlichten Nachdruck der verdienstvollen,
naaterialreichen Schrift von E. Schaumkell von 1905 schon insofern nicht aus
geglichen werden, als diese sich im wesentlichen auf das 18. Jahrhundert be
schränkte.
Aus dem großen Fundus an Publikationen, die sich in dem angegebenen Zeit
raum mit der Geschichte kultureller Phänomene beschäftigen, sind von V. Hart
mann vornehmlich diejenigen ausgewählt worden, die in der Auffassung ihrer