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Volltext: Jahrbuch des Linden-Museums, Museum für Länder- u. Völkerkunde, 1.1951 N.F.

Gin-lien 
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U Jahrbuch 1951 Lindenmuseum 
herbeizuführen. Gemeint ist das ebenso alte wie weitverbreitete Schönfinden 
von Deformations-Varianten, die, falls sie sich selektiv-progressiv behaupten 
würden, eine schwere vitale Beeinträchtigung der Art zur Folge hätten. 
Künstliche Körperdeformationen sind Produkte kosmetischer Praktiken, die 
häufig nicht nur morphologische, sondern auch funktionelle pathologische Ab 
weichungen herbeiführen. Hinzu kommt, daß fast bei allen, jedenfalls bei sehr 
vielen, die Sitte darauf aus ist, Veränderungen zu bewirken, die das Indivi 
duum überdauern und zur festen Typeneigenheit werden sollen. So manche 
künstlich erzeugte Deformitäten halten ihre Liebhaber für angeboren (erb 
lich) und messen den sie hervorrufenden Manipulationen mehr einen sym 
bolisch-rituellen Wert zu. Wobei nicht nur das naive Denken „lamarckistisch“ 
ist. Auch der Schöpfer der wissenschaftlichen Medizin und Vorläufer der Völ 
kerkunde, Hippokrates der Große, war überzeugt, die „Makrozephalie“ sei 
eine erblich gewordene erworbene Eigenschaft. Würde sich die Natur nach den 
ästhetischen Wünschen der Völker richten, dann hätte sich die Menschheit 
schon längst in eine Unzahl bizarrer Formen, ähnlich chinesischen Zierfischen, 
aufgelöst oder sie wäre infolge verkrüppelter Füße, plattgedrückter Schädel 
und ähnlichem längst zugrunde gegangen. 
Bäume wachsen indessen nicht in den Himmel. Der Mensch ist noch heute 
so, wie er immer war. Er geht auf seinen Füßen und besitzt einen Schädel, in 
dem es Raum gäbe für ein funktionstüchtiges Gehirn. Die Natur ist gegen 
ästhetische Exzesse gesichert. Sie gestattet es nicht, daß kosmetisch erzielte 
Veränderungen zu erblichen Eigenschaften werden, vor allem läßt sie die kos 
metischen Moden wie alle Moden wechseln, selbst wenn sie sich als noch so 
altehrwürdige Sitten gebärden. Die oft ganz rätselhaft erscheinenden und noch 
häufiger mißdeuteten Bemühungen der Völker um das körperlich Schöne unter 
liegen den Regeln der Kosmetik, die sich ihrerseits nach jenen aktuellen Trieb 
federn und Zwecken der Mode richten, die heute und überall wirksam sind. 
1 
Die Fußverkrüppelung der Chinesinnen ist wohl eine der absurdesten Erfin 
dungen der Kosmetik. Wie bei jeder echten Nationalsitte, die sie noch vor kur 
zem zu sein schien, verliert sich ihr Ursprung im Nebel legendärer Überlie 
ferungen. Es gibt Sagen, die bis zum Jahre 1100 v. Chr. die Einführung ver 
stümmelter Frauenfüße zurückverlegen. Wogegen die verbreitetste „histo 
rische“ Version die Entstehung der Sitte um rund 1800 Jahre näherrückt 
und erzählt: Yao Niang, die Lieblingskonkubine des Kaisers Li-yi (gest. 975 
n. Chr.) soll von Geburt an Klumpfüße gehabt haben, die schön wie der „Neu 
mond“ gewesen seien. Diese Fußbildung hätte den Neid der Haremsweiber 
und Hofdamen erweckt, sie begannen, die Fußverkrüppelung künstlich her 
beizuführen mit dem Ergebnis, daß die Verbildung der Füße immer mehr 
Nachahmung fand. 
Die Sitte scheint aber weder so überaus alt noch verhältnismäßig so jung zu 
sein. Denn es ist der Ausspruch eines Staatsmannes aus der Zeit der Ts’in- 
Dynastie (255—206) überliefert, der darauf schließen läßt, das Abbinden der
	        
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