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Full Text : Münchner Beiträge zur Völkerkunde, 5.1998

WOLFGANG BAUER

(1930-1997)

Am 14. Januar 1997 verstarb Wolfgang Bauer. Dies ist ein Anlaß des Gedenkens und der
Dankbarkeit für das, was er uns war, als Mensch und als Wissenschaftler von höchstem
Rang. Einer Persönlichkeit mit so vielen verschiedenen Begabungen und Eigenschaften gerecht
 zu werden, muß freilich auch die Kraft von jemandem übersteigen, der ihm über Jahrzehnte
 sehr nahe gestanden ist und seinen Weg in der Wissenschaft mit Anteilnahme und
Bewunderung begleitet hat.

Das Fach der Sinologie, das Wolfgang Bauer sich erwählt hat, gehört zu den Kulturwissenschaften,
 denen es um das Ganze einer Kultur geht. Welche Art des Zugangs der Forscher
 sucht, bleibt ihm überlassen. Für Wolfgang Bauer war es stets der Mensch, der im
Mittelpunkt seiner Studien stand. Hier hat er Bahnbrechendes geleistet, um das Fühlen und
Denken des Individuums im Kontext der chinesischen Kultursphäre wissenschaftlich zu beschreiben.
 Dabei hat er in beispielhafter Weise Phänomene der Gegenwart mit einem tiefen
Blick in die Traditionen der Vergangenheit zu verbinden gewußt. Viele Studienreisen haben
ihn in die beiden Chinas geführt, wo er von der bisherigen Wissenschaft wenig beachtete
Aspekte der Volkskunde wie etwa Praktiken der Divination erforschte.

Von seinen nwgna operamüssen vor allem die beiden Werke »China und die Hoffnung
auf Glück« und »Das Antlitz Chinas« hervorgehoben werden. Nach Glück zu streben, ist
ein allgemeines Humanum, das wir überall in der Welt finden. Für die chinesische Kultur
hat Wolfgang Bauer nun in seinem Werk die sozialen und religiösen Utopien seit ihren Anfängen
 bis in die Gegenwart meisterhaft beschrieben und der Forschung damit neue Wege
gewiesen. Im »Antlitz Chinas« geht es um das Problem des Individualismus und des Verhältnisses
 zwischen refelektierendem Ich und einer von sozialer Gruppenbildung beherrschten
 Gesellschaft. In beiden Büchern steht also der Mensch Chinas im Mittelpunkt im
Sinne einer historisch fundierten Anthropologie.

Schon früh hat man auch im Ausland die herausragende Bedeutung Wolfgang Bauers
anerkannt. Davon zeugen Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten, in Australien und in
Japan. Von 1977 bis 1980 war er Mitglied des Committee on the Study of Chinese Civilizatian
 des American Council of Learned Societies. Im Jahre 1985 wählte ihn die Bayerische
 Akademie der Wissenschaften zum ordentlichen Mitglied und 1990 nahm ihn die
Nordrhein-WestfälischeAkademie der Wissenschaften unter ihre korrespondierenden Mitglieder
 auf. In der Bayerischen Akademie war er Mitglied der Kommission für Zentralasiatische
 Studien und Stellvertreter des Vorsitzenden. Eine herausragende Ehrung bedeutete
es, daß Wolfgang Bauer am 6. März 1994 in der Reihe der Akademievorträge im Bayerischen
 Landtag zu Worte kam mit seinem Vortrag »China im Umbruch: Staatstreue und
Verweigerung im alten und sozialistischen China«. Auch hier sehen wir wieder die Verbindung
 von Geschichte und Gegenwart, die Bauers wissenschaftliches Werk kennzeichnet.
Die ihm 1995 gewidmete Festschrift bezeugt durch die Namen ihrer Mitarbeiter das hohe
Ansehen in der deutschen und der internationalen Wissenschaft. Als Frontispiz weist der

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