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Volltext: Münchner Beiträge zur Völkerkunde, 2.1989

hat er sie indes nie, obwohl er sie als Curator nahezu eineinhalb Jahrzehnte betreute. Sie 
waren in seinen Augen »so beautiful, but terribly uninteresting«. 
Im Juni 1974 wurde Max Loehr in Harvard emeritiert, doch verlor er auch danach nicht 
den Kontakt zu seinen Kollegen in der Fakultät, im Fogg Art Museum und zu seinen 
ehemaligen Studenten. Vielen von ihnen war es eine Ehre, ihm bei seinen Forschungs-und 
Publikationsvorhaben zu helfen, und andererseits stand er ihnen stets mit Rat und Tat zur 
Verfügung. Seine Vorlesungen und Seminare waren »terrifyingly informative, were inspi­ 
red always with a deep feeling for aesthetic qualities, and seemed at times sessions of pure 
enlightenment«, wie einer seiner Schüler, James Cahill, noch nach vielen Jahren empfand. 
Max Loehr war ein didaktisch geschickter Lehrer. Gern konfrontierte er seine Schüler mit 
rätselhaften Objekten und Fragen, einem Zen-Meister ähnlich, der den jungen Adepten 
einen k6an zu lösen aufgibt. Ständig suchte er ihnen den Kontakt mit dem Original zu 
ermöglichen und ihnen die Wichtigkeit der Begegnung mit dem Kunstwerk selbst in 
Erinnerung zu rufen. 
Es war auch ein Genuß, ihm beim Schreiben chinesischer Zeichen zuzuschauen. Mit 
Kreide schien er die Druckunterschiede des Pinsels auf die Wandtafel übertragen zu 
wollen. Wie eingemeißelt standen sie da in ihrer Klarheit und Eleganz, an die kraftvollen 
Inschriften buddhistischer Stelen erinnernd. Auch auf dem Papier betonte er die Ansätze 
oder Richtungsänderungen eines Strichs mit einem markanten Druck und bedächtigem 
Innehalten, das es ihm gestattete, nebenbei mit der anderen Hand eine Zigarette anzuzün­ 
den. Man hat seine chinesischen Schriftzeichen einmal treffend als den ersten erfolgrei­ 
chen Versuch in der Geschichte der chinesischen Kalligraphie charakterisiert, eine Va­ 
riante der sou-chin-shu, der »Schlanken Goldschrift«, des kunstbeflissenen letzten Nord­ 
Sung-Kaisers Hui-tsung mit einem Kugelschreiber auszuführen. Davon mögen die für 
seine Lehrveranstaltungen seitenweise handschriftlich vorbereiteten Bibliographien und 
anderen Unterlagen einen Eindruck vermitteln. Selbst lapidare Alltagsnotizen hatten noch 
eine eigenwillige manieristische Behutsamkeit; sie erinnerten in ihrem Formcharakter an 
die minuziöse Präzision eines chieh-hua oder »ruled-line painting«, und in seiner Signatur 
spürte man den kontrollierten Duktus des exakten, auf ästhetisches Raffinement Wert 
legenden Kunstkenners. 
Max Loehr war ein geduldiger Zuhörer. Seine kritischen Kommentare und Stellung­ 
nahmen waren oft ebenso humorvoll wie gefürchtet. Es schien, als hätte er allein durch 
seine Anwesenheit ein öffentliches Symposion oder wissenschaftliches Seminar, eine pri­ 
vate Diskussionsrunde oder eine Zusammenkunft von Freunden zu beeinflussen ver­ 
mocht; seine Gegenwart garantierte das Niveau des Gesprächs und prägte die Form des 
Umgangs. Er verfügte über einen ungeheuren englischen Wortschatz und eine Sprachbe­ 
herrschung, um die ihn so mancher »native speaker and writer« beneidete, und dennoch 
konnte (und wollte?) er seine deutsche Herkunft im Akzent nicht verleugnen. Im Gegen­ 
teil, als Neoamerikaner war er stolz auf seine traditionelle humanistische Bildung europäi­ 
scher Prägung. Gelegentlich schien er sich einen Spaß daraus zu machen, manchen allzu 
penetranten Amerikanismen mit einem Anflug von Süffisanz und sprachbewußter Zierde 
eine Korrektur gegenüberzustellen. So sprach er etwa >>Los Angeles« stets mit unüberhör­ 
barem spanischen Rachenlaut aus. Im mündlichen wie im schriftlichen Umgang mit der 
Sprache war er außerordentlich sorgfältig, weil er sich der lateinischen und griechischen 
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