hat er sie indes nie, obwohl er sie als Curator nahezu eineinhalb Jahrzehnte betreute. Sie
waren in seinen Augen »so beautiful, but terribly uninteresting«.
Im Juni 1974 wurde Max Loehr in Harvard emeritiert, doch verlor er auch danach nicht
den Kontakt zu seinen Kollegen in der Fakultät, im Fogg Art Museum und zu seinen
ehemaligen Studenten. Vielen von ihnen war es eine Ehre, ihm bei seinen Forschungs-und
Publikationsvorhaben zu helfen, und andererseits stand er ihnen stets mit Rat und Tat zur
Verfügung. Seine Vorlesungen und Seminare waren »terrifyingly informative, were inspi
red always with a deep feeling for aesthetic qualities, and seemed at times sessions of pure
enlightenment«, wie einer seiner Schüler, James Cahill, noch nach vielen Jahren empfand.
Max Loehr war ein didaktisch geschickter Lehrer. Gern konfrontierte er seine Schüler mit
rätselhaften Objekten und Fragen, einem Zen-Meister ähnlich, der den jungen Adepten
einen k6an zu lösen aufgibt. Ständig suchte er ihnen den Kontakt mit dem Original zu
ermöglichen und ihnen die Wichtigkeit der Begegnung mit dem Kunstwerk selbst in
Erinnerung zu rufen.
Es war auch ein Genuß, ihm beim Schreiben chinesischer Zeichen zuzuschauen. Mit
Kreide schien er die Druckunterschiede des Pinsels auf die Wandtafel übertragen zu
wollen. Wie eingemeißelt standen sie da in ihrer Klarheit und Eleganz, an die kraftvollen
Inschriften buddhistischer Stelen erinnernd. Auch auf dem Papier betonte er die Ansätze
oder Richtungsänderungen eines Strichs mit einem markanten Druck und bedächtigem
Innehalten, das es ihm gestattete, nebenbei mit der anderen Hand eine Zigarette anzuzün
den. Man hat seine chinesischen Schriftzeichen einmal treffend als den ersten erfolgrei
chen Versuch in der Geschichte der chinesischen Kalligraphie charakterisiert, eine Va
riante der sou-chin-shu, der »Schlanken Goldschrift«, des kunstbeflissenen letzten Nord
Sung-Kaisers Hui-tsung mit einem Kugelschreiber auszuführen. Davon mögen die für
seine Lehrveranstaltungen seitenweise handschriftlich vorbereiteten Bibliographien und
anderen Unterlagen einen Eindruck vermitteln. Selbst lapidare Alltagsnotizen hatten noch
eine eigenwillige manieristische Behutsamkeit; sie erinnerten in ihrem Formcharakter an
die minuziöse Präzision eines chieh-hua oder »ruled-line painting«, und in seiner Signatur
spürte man den kontrollierten Duktus des exakten, auf ästhetisches Raffinement Wert
legenden Kunstkenners.
Max Loehr war ein geduldiger Zuhörer. Seine kritischen Kommentare und Stellung
nahmen waren oft ebenso humorvoll wie gefürchtet. Es schien, als hätte er allein durch
seine Anwesenheit ein öffentliches Symposion oder wissenschaftliches Seminar, eine pri
vate Diskussionsrunde oder eine Zusammenkunft von Freunden zu beeinflussen ver
mocht; seine Gegenwart garantierte das Niveau des Gesprächs und prägte die Form des
Umgangs. Er verfügte über einen ungeheuren englischen Wortschatz und eine Sprachbe
herrschung, um die ihn so mancher »native speaker and writer« beneidete, und dennoch
konnte (und wollte?) er seine deutsche Herkunft im Akzent nicht verleugnen. Im Gegen
teil, als Neoamerikaner war er stolz auf seine traditionelle humanistische Bildung europäi
scher Prägung. Gelegentlich schien er sich einen Spaß daraus zu machen, manchen allzu
penetranten Amerikanismen mit einem Anflug von Süffisanz und sprachbewußter Zierde
eine Korrektur gegenüberzustellen. So sprach er etwa >>Los Angeles« stets mit unüberhör
barem spanischen Rachenlaut aus. Im mündlichen wie im schriftlichen Umgang mit der
Sprache war er außerordentlich sorgfältig, weil er sich der lateinischen und griechischen
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