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Volltext: Curare, 12.1989

Buchbesprechungen curare 2/89 
162f.). Im entscheidenden wissenschaftstheore- 
tischen Teil IV über „Die Begründung psycho- 
pathologischer Erfahrung und psychopathologi- 
scher Methoden in philosophischen Konzeptio- 
nen vom Wesen des Menschen“ (S. 197-225) 
resümiert H. Tellenbach mit reichen Verweisen 
den historischen Methodenwechsel innerhalb 
der Psychiatrie hin zur Auseinandersetzung mit 
unabdingbaren philosophischen Grundansich- 
ten. Dieses Kapitel ist jedoch nicht nur selbst- 
versichernder Rückblick, sondern steht als zen- 
trale Einsichtsvermittlung in die hermeneutische 
Vollzugswirklichkeit klinischer Psychiatrie im 
kontrapunktischen Verhältnis zum Schlußteil 
VI über die „Phänomenologie der Sinne“ (S. 
277-301). Auf solchem werkstrukturellem Hin- 
tergrund erscheint dann nämlich die methodolo- 
gische Frage nach dem „Logos vom Menschen 
als Bedeutungszusammenhang“ (S. 106f.) - und 
zwar im erwähnten Rahmen interatmosphärisch 
gestimmter Alltäglichkeit — als philosophische 
Praxis des Sich-Heranbildens zum exemplari- 
schen Schauen. Das heißt, Tellenbachs Werk 
erschöpft sich nicht auf der informativen Ebene, 
sondern der geistige Mitvollzug des Inhalts wird 
zur Einladung eines sich werthaft anzueignen- 
den Gehaltes, um die Bedingungen „glückenden 
Daseins“ auszuloten (S. 279). 
Diese praktisch-phänomenologische Lektüre 
von „anschauend vernehmender Erfahrung‘ (S. 
102) vermittelt sowohl Senibilisierung für Situa- 
tionsorientiertheit auf Pathogeneität hin wie kri- 
tische Selbstüberprüfung dessen, was gegebener 
Forschung im Kulturangebot heute an „Rang“ 
einzuräumen ist (S. 162). Wie bei der so wichti- 
gen therapieheuristischen Unterscheidung von 
Symptom und Phänomen (vgl. S. 135-148) ste- 
hen nicht Theoriedenunziationen im Vorder- 
grund, sondern die Beschäftigung mit „Gleich- 
gewichts‘“-Voraussetzungen eines heilen 
Menschseins, welches um die existentielle Her- 
ausforderung von „Kranksein“ zur geistigen Ge- 
sundung weiß. Mit anderen Worten: der Pathos 
des Lebens gehört zum „Korresponsorischen 
von Geist und Sinnen“ in eben der Weise, wie 
Geschmack und Schmecken eine Dialektik des 
Physiologisch-Hermeneutischen bilden (vgl. S. 
279). Wie dieser Grundbezug als Veranschauli- 
chung dessen aufgefaßt werden kann, was der 
französische Philosoph Michel Henry die noch 
unausgelotete Notwendigkeit einer „phE&nome- 
2° 
nologie materielle‘ diesseits von jeder, die Le- 
bensurgegebenheit verkürzende „phE£&nomenolo- 
gie hyletique‘“ nennt (vgl. Nr. 15 der Zeitschrift 
„Philosophie‘“, Paris 1987, S. 55-96), eröffnet 
allzumal Tellenbachs Versuch, eine „Bildungs‘“- 
Weisung für die Sinnenreifung zu vermitteln 
‘vgl. Kap. VI,1: Gebildete Sinne — Bedingung 
glückenden Daseins, S. 279-290). 
Daß hierbei das Wahrnehmen reiner Phäno- 
menalität letztlich auch in die ethisch-religiösen 
Sinnfelder hineinreicht, kann nicht verwundern, 
insoweit „Bildung“ bereits traditionsgeschicht- 
lich sich vom mystischen „Anzubilden‘“ an das 
Bild Gottes herleitet (S. 161 u.ö.). Exemplari- 
sches Sehen von Daseinserscheinungen ist des- 
halb ursächlich verbunden mit ihrem Verkosten 
— so wie in der Mystik eben Schauen (visio) und 
Berührtsein (affectio) nicht voneinander abzu- 
spalten sind. Wie vollzieht sich nun konkret 
nach H. Tellenbach Leben im Sehen als gleich- 
zeitiges Sehen im Leben? Indem zunächst Stu- 
fungen beachtet werden, die schon den Griechen 
selbstverständlich waren: Feststellendes Sehen 
von Faktizitäten (blepein) ist noch nicht wesens- 
erfassende Anschauung (idein), welches ein 
„Sich-in-Anspruch-nehmen-lassen durch das 
Erscheinende‘“ (S. 280) naturgemäß einschließt, 
während das prüfende Achthaben (horan) um 
das schickliche Ablesen des nottuenden Um- 
gänglichen weiß. Dieses empfindende Wahr- 
nehmen setzt sich in seiner Behutsamkeit vom 
„unheildrohenden Drachenblick‘“ (derkomai) 
ab, kann aber bei zunehmender bestimmender 
Wahrnehmung den Weg des Theoretisierens be- 
schreiten als ein gestalterkennendes wie einord- 
nendes Feststellen und Vergleichen. Neben die- 
sen Wachformen des Sehens gibt es das phy- 
siognomische Erblicken als Strukturierung von 
Räumlichkeit mit den existentiellen Bedeu- 
tungsrichtungen von Oben und Unten, die sich 
dem Neugeborenen in seiner Rückenlage durch 
die Lichtzuwendung erschließen. Von der Wur- 
zel her sind also Sehen und Bedeuten miteinan- 
der verbunden, so daß es ein beseelt-lebendiges 
Sehen wie ein schauend-beseligendes Leben 
gibt, das wohl auch Nietzsche mit im Auge hatte. 
Mißbrauch solchen Sehens durch artifizielle 
Physiognomisierung in plakathaft-werbender 
Bedeutungssuggestion bis hin zu destruktiv-hal- 
Juzinatorischen „Gesichten‘“ steht nochmals die 
Kunst gegenüber als Transitus des seelischen 
Friedr. Vieweg & Sohn Verlag, Braunschweig/Wiesbaden
	        
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