Buchbesprechungen
NıLs GroschH: Lied und Medienwechsel im 16. Jahrhundert. Münster u. a.: Waxmann
2013, 2065$., 56 Schwarzweißabb. (Populäre Kultur und Musik, 6; teilw. zgl. Basel,
Univ., Habil.-Schr., 2009). ISBN 978-3-8309-2892-8
„Über das Alter der Populären Musik, die Erfindung des ‚Volkslieds‘ und die Kons-
truktion von ‚Tenorliedern‘“: Die Überschrift des ersten Kapitels — eine Einleitung gibt
es nicht — zeigt die Richtung an, die diese Basler musikwissenschaftliche Habilitations-
schrift von 2009 einschlägt. Sie siedelt im Überschneidungsbereich von Musikwissen-
schaft, Mediengeschichte, Volkskunde und Literaturwissenschaft.
Während die Erforschung moderner Populärer Musik diese vor allem als Industrie-
produkt begreift, hat der — seit längerem in Misskredit geratene — Volkslied-Begriff sei-
nen Gegenstand ahistorisch und ohne Bezug auf den mediengeschichtlichen Kontext
konstruiert. Herders Volkslied war eine ästhetische Kategorie, die das gesamte Volk als
Kulturgemeinschaft meinte. Im 19. Jahrhundert wurden die Volkslieder dann zu Lie-
dern des einfachen Volks umgewertet. Musikwissenschaftlich korrespondiert diesem
Prozess die Etablierung des sogenannten „Tenorlieds“, das definiert wird als eine „um-
fassende Kategorie für die überlieferten, mehrstimmigen Kompositionen über deutsch-
sprachige Texte von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts“ (S. 23). Die
Tenorstimme mehrstimmiger Lieder hat man regelmäßig als Volksliedbeleg gewertet
(S. 27). Grosch lehnt die Tenorlied-Theorie (in der NS-Zeit gern: „deutsches Tenor-
lied“) als „ideologisch motiviertes Konstrukt“ ab (S. 31) und betont die industrielle Pro-
duktion und kommerzielle Distribution populärer Musik.
Nach erfolgreicher Aufräumarbeit unternimmt es Grosch im zweiten Kapitel, die
Rolle des Lieds in der ‚Gutenberg-Galaxis‘ (McLuhan) zu bestimmen. Da Gattungsdif-
ferenzierungen für das (weltliche) Lied wie Volkslied, Gesellschaftslied, Kunstlied oder
Hofweise die Gefahr zirkulärer Argumentation mit sich bringen, bezeichnet er die Gat-
tung einfach als Lied. Er behandelt Liederhandschriften, Liedflugschriften und über-
wiegend mit Noten versehene gedruckte Liederbücher, die zunächst im Mehrphasen-
druck vervielfältigt wurden. In den 1530er-Jahren setzte sich als technologische Innova-
tion der Einphasendruck mit beweglichen Lettern durch.
Um die Rezeption und den Gebrauch des Lieds geht es im dritten Kapitel, das auf
die Erweiterung der Abnehmerkreise ebenso aufmerksam macht wie auf den „Standort-
wechsel als Medienwechsel“ (vom Hof in die Stadt). Lieder spielten in der Jugendkultur
eine besondere Rolle und wurden als Medienobijekte, nicht nur als Vorlagen für das
Singen, geschätzt.
In fünf detailreichen Fallstudien, allesamt weitverbreiteten Liebesliedern gewidmet,
wird jeweils nach dem „konstruktiven Anteil der Medien an der Realität und Praxis des
Liedes“ (S. 109) gefragt. Den Schlussabschnitt („Das Lied im intermedialen Transkrip-
tionsprozess“) hätte man wohl auch etwas weniger ambitioniert und wesentlich konziser
abfassen können.
Der ständige Verweis auf die mediengeschichtlichen Rahmenbedingungen (prägend
waren vor allem die Studien von Michael Giesecke) ist vor dem Hintergrund ihrer Ver-
nachlässigung in der Forschungsgeschichte über lange Zeit mehr als verständlich.
Grosch ist davon überzeugt, dass der „Medienapparat die kulturelle Kommunikation
immens prägte und dabei die Gattung Lied nicht nur selbst als Medium nutzte, son-
dern sie auch in anderer Gestalt, Erscheinungsform und Funktion entließ, als er sie vor-
gefunden hatte“ (S. 67). Eine bedeutende Grundlagenarbeit für alle Beschäftigung mit
dem weltlichen Lied des 16. Jahrhunderts stellt die 1974/75 erschienene zweibändige
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