Buchbesprechungen
tisch nicht statt. Verwahrung bei minimalem Pflegeaufwand (Fixierungen, Ruhigstel-
lung durch Psychopharmaka und harte Strafen bei Fehlverhalten waren üblich) war of-
fensichtlich das Konzept der Verantwortlichen, wobei arbeitsfähige Bewohner selbst ex-
tensiv in den täglichen Arbeitsbetrieb einbezogen wurden. Der.Lebensstandard mit gro-
ßen Bettensälen und einem Minimum an Baderäumen und Toiletten, die zudem nicht
abschließbar waren, war minimal. Die Geschlechter wurden lange Zeit strikt getrennt,
Liebesbeziehungen zwischen den „Behinderten“ und jede Form der Selbstbefriedigung
sowieso untersagt. Gewaltsame Übergriffe durch das (vermutlich überforderte) Personal
können nachgewiesen werden. Der Alltag mit frühem Zubettgehen erscheint entspre-
chend eintönig. Nur die wenigen Feste, vor allem Weihnachten, sorgten etwas für Ab-
wechslung. Offensichtlich waren die meisten Pfleglinge allerdings auch an diesen be-
sonderen Tagen des Jahres von ihren Angehörigen ganz an das Heim abgegeben wor-
den. Erfolgten gemeinsame Ausflüge, erlebten Pflegekräfte und Pfleglinge die damals
massiven Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen. Nur wenige Einzel-
geschichten, die zeigen, dass manchmal auch ein Ausbruch in die mehr oder weniger
normale Welt möglich war, und die seit den späten 1970er-Jahren begonnene Moderni-
sierung und Öffnung der Einrichtung im Rahmen des allgemeinen Politikwechsels set-
zen hoffnungsvolle Akzente, ansonsten erinnert die Hamburger Tristesse an die erschre-
ckenden Verhältnisse, die inzwischen für viele Heime der frühen Bundesrepublik be-
kannt sind.
Den Autorinnen ist für ihre eindrucksvolle und gut lesbare Darstellung, den Auf-
traggebern für den Mut zum ungeschönten Rückblick zu danken.
Kassel
CHRISTINA VANJA
KIRSTEN BERNHARDT/BARBARA KRUG-RICHTER/RUTH-E. MOHRMANN (Hrsg.): Gast-
lichkeit und Geselligkeit im akademischen Milieu in der Frühen Neuzeit. Münster u. a.:
Waxmann 2013, 17658., 1 Schwarzweißabb. ISBN 978-3-8309-2759-_4
Dass Geselligkeit in der Gelehrtenkultur vor allem des 18. Jahrhunderts keine Belas-
tung, sondern ein Bedürfnis darstellte, wie Gabriele Jancke im abschließenden Beitrag
des vorliegenden Aufsatzsammelbandes resümiert, liegt als natürliche Folge aus einer
mehr oder minder kontaktarmen, exklusiven Schreibstuben- und Bibliothekstätigkeit
an den Universitäten nahe. Erst sobald es sich um empirisch zu lösende Aufgaben han-
delte, kann ja von einer per se „geselligen“ forschenden Gruppe ausgegangen werden.
Im Falle der gesellschaftlichen Ausschließung des Klerus in den Klöstern etwa liegt das-
selbe Phänomen wie an den Hochschulen vor, und auch hier bestand und besteht —
nicht alleine den Exerzitienregeln nach — eine ausgeprägte Vorliebe für Gastmähler in
größerem Kreis, der Berufskollegen und Freunde einschloss. Wie die Aufsätze zeigen,
verselbstständigten sich zwanglos entstandene Formen der Geselligkeit etwa an den
Universitäten und bildeten Rituale mit symbolischem Gehalt aus, die durch Partizipati-
on, Integration, Männlichkeit und Ehre von Neuankömmlingen ebenso wie von Hono-
ratioren bestimmt wurden.
Nicht nur Vorlesungen und Examen, auch Festessen fanden in großen Hörsälen
bzw. Aulen statt, in Leipzig, wo die „Kollegiaten“ zum Unterricht verpflichtet waren, in
den großen Kollegien, denen fast ausschließlich Theologen, Juristen und Mediziner an-
gehörten. Beate Kusche legt in ihrem Aufsatz dar, dass gerade für die studentische Ge-
meinschaft in den Wohnbursen, denen ein Magister vorstand, strenge Verhaltensvor-
schriften galten. Auf der anderen Seite durften die Studenten den Mittagstisch mit dem
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